Schutz für den Verlobten

+

Lüdenscheid - Eine 23-Jährige hat behauptet, einen Verkehrsunfall verursacht zu haben, obwohl ihr angetrunkener Verlobter am Steuer saß. Das brachte ihr ein Verfahren wegen Vortäuschens einer Straftat ein.

Es war „ein netter Versuch“, sagt Strafrichter Andreas Lyra zur Angeklagten. „Nicht viel mehr.“ Doch nach Auffassung der Staatsanwaltschaft hat sich die 23-Jährige des Vortäuschens einer Straftat schuldig gemacht. 

Sie saß am 20. Februar auf dem Beifahrersitz, ihr Verlobter am Steuer war angetrunken – und verursachte einen Unfall. Gegenüber der Polizei behauptete sie: „Ich bin gefahren.“ 

Eine Unfallzeugin widerspricht dieser Version. Der Fahrer ist längst verurteilt. Das Verfahren gegen die junge Frau läuft weiter. 

Strafverteidiger Heiko Kölz hat nach Worten des Richters mehrfach eine Einstellung des Verfahrens angeregt. Doch die Anklagebehörde blieb stur. Die Beschuldigte habe ihre falsche Aussage zu vehement vorgetragen – und bei der Polizei sogar gefordert: „Nehmen Sie mir eine Blutprobe ab!“, um ihren Verlobten zu schützen. 

Kölz beruft sich auf das gesetzliche Angehörigen-Privileg. Demnach geht straffrei aus, „wer die Tat zugunsten eines Angehörigen begeht“.

Für die Angeklagte spricht, dass sie während der Ermittlungen „frühzeitig die Reißleine gezogen und die Sache klargestellt hat“, wie Lyra sagt. Trotzdem landet sie auf der Anklagebank. Ihr Baby hat sie mitgebracht, es ist sechs Wochen alt und schlummert friedlich neben ihr. 

Der Strafrichter neigt zur Milde. Er spricht über die „emotionale Reaktion“ nach dem Unfall, dass sie meinte, sich einsetzen zu müssen, über ihr „engagiertes Handeln“, mit dem sie ein Verfahren gegen ihren Verlobten habe abwenden wollen. Und denkt laut über die Möglichkeit einer Einstellung nach. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft nickt dazu. 

Die Geldauflage von 100 Euro – zahlbar an den Lüdenscheider Kinderschutzbund – hat nach Auffassung des Strafrichters symbolischen Charakter, „um deutlich zu machen: So läuft es nicht“. 

Die junge Mutter atmet erleichtert auf, nimmt ihr schlafendes Kind und sagt: „Dann wünsche ich noch eine schöne Woche.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare