Amtsgericht: Kein Freibrief für Schwarzfahrer

Lüdenscheid - Er hat sich nicht zum Strafantritt gemeldet. Deshalb holten Polizisten den 23-Jährigen am 3. Mai mit Handschellen von zu Hause ab. Nun sitzt er ein halbes Jahr wegen Einbruchs und wiederholten Schwarzfahrens ab. Und hat sichtlich Angst vor einer Verlängerung.

Den Kopf gesenkt, die Augenbrauen hochgezogen, sitzt der junge Mann neben seinem Verteidiger, Rechtsanwalt Torsten Reimer aus Unna, und hört sich an, was Amtsanwalt Markus Desecar ihm vorwirft.

Folgt man dem Verteidiger, dann geht es hier „um Bagatellkriminalität reinsten Wassers“. Aber Strafrichter Andreas Lyra schüttelt den Kopf. „Das sehe ich ganz anders.“

In der Anklageschrift ist mal wieder von Beförderungserschleichung die Rede. Zweimal ist der ungelernte und vierfach vorbestrafte Arbeitslose per Bahn durchs Volmetal gereist, beide Touren ohne Fahrschein. Die Bahn, die laut Reimer alle Fahrkartenverkäufer entlassen hat und auf Automaten setzt, beklagt einen Verlust von 18,80 Euro.

Die beiden Schwarzfahrten gibt der Angeklagte genau so zu wie den Sozialleistungsbetrug. Ein Klassiker: Binnen zweier Monate 497,38 Euro aus dem Job-Center bekommen, nebenbei gejobbt, aber die Zusatzeinkünfte verschwiegen. Der Richter baut eine kleine Goldene Brücke: „Vielleicht wollten Sie ja erstmal ausprobieren, ob die Stelle was für die Dauer ist.“ Der Angeklagte: „Ja, so war das.“

So viel Verständnis ist der junge Kerl offenbar nicht gewohnt. Deshalb möchte Lyra mehr hören, vor allem Details aus Kindheit und Jugend. Die zögerlichen Antworten drehen sich um Versagen schon in der Grundschule, um Begriffe wie ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivitäts- Störung) und die vielen Tabletten, die er dann im vierten Schuljahr selbst abgesetzt hat.

Die Hauptschule endet für ihn nach der 9. Klasse. Im Januar 2008 – da ist er gerade 18 – wird er zum ersten Mal eingesperrt: 18 Monate wegen schweren Raubes und Diebstahls. „Viele Drogen und falsche Freunde“, lautet seine Erklärung. Er möchte gerne Maler und Lackierer werden. „Ich bewerbe mich gerade.“ Derzeit arbeitet er hinter Gefängnismauern als als Gärtner – für etwa 82 Euro im Monat.

„Bagatellkriminalität“ sind die neuen Delikte für den Richter nicht, schon gar nicht solche „reinsten Wassers“. Die Straftaten seien „gemeinschädlich“. Lyra: „Es gibt keinen Freibrief.“ Aber eine Chance gibt es. Vier Monate mit Bewährung verhängt der Strafrichter. Und mahnt sanft: „Kriegen Sie mal Ihr Leben in den Griff!“

Von Olaf Moos

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