Amtsgericht: Kasachische Autodiebin schwänzt Prozess

Lüdenscheid - Es riecht wie eine ganz sichere Sache. Die mutmaßliche Autodiebin – sie hatte nach einer vermeintlichen Probefahrt den VW Polo eines Lüdenscheiders geklaut – wurde immerhin erwischt und in Untersuchungshaft gesperrt. Und schon fünf Wochen später eröffnet Strafrichterin Kristina Thies den Prozess. Doch die Angeklagte, eine einschlägig vorbestrafte Kasachin, hustet der Richterin was – und bleibt der Hauptverhandlung fern. Denn Kristina Thies hat die 37-Jährige nach zwei Wochen U-Haft am 5. Oktober wieder laufen lassen.

Staatsanwältin Ina Pavel und Strafverteidiger Horst Metag schauen in etwa so ratlos drein wie die Richterin. Warum der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt ist, wundert die Juristen allerdings weniger. Denn: Nach ihrer Festnahme wanderte die Frau vor allem deshalb ins Gelsenkirchener Frauengefängnis, weil sie ohne festen Wohnsitz war und deshalb Fluchtgefahr drohte.

Ihr damaliger Verteidiger, Rechtsanwalt Sebastian Kägebein aus Dortmund, der sein Mandat zwischenzeitlich aus unbekannten Gründen niedergelegt hat, sorgt bei der Haftprüfung am 5. Oktober für eine Wende. Seine Mandantin komme bei ihrer Nichte in Dortmund unter, lässt er wissen. Die Nichte bestätigt. Damit ist die Angeklagte unter einer festen Adresse erreichbar – und die Fluchtgefahr nach dem Verständnis der Justiz nicht mehr gegeben.

Aber denkste! Die Frau, die ansonsten als „elegante Erscheinung“ beschrieben wird, hat Vorstrafen wie ein schlecht tätowierter Knastbruder. Mindestens acht Diebstähle, Drogen am Steuer, Schwarzfahren oder auch Entziehung elektrischer Energie, Hafterfahrung – und jetzt der Autoklau. Metag: „Sie hat mir gesagt, dass sie den Wagen wieder zurückgeben wollte.“ Nur ein bisschen rumfahren wollte sie demnach, dann den Eigentümer anrufen und ihm verraten, wo der 16 500 Euro teure Wagen steht.

Das stimmt die Richterin nicht milder. „Dann soll sie hierher kommen und ihre Aussage machen!“ Pflichtverteidiger Metag zuckt mit den Schultern. Er wisse nicht viel über die Frau, außer dass sie hübsch aussieht, sie habe kaum mit ihm gesprochen, weil sie ja einen Wahlverteidiger erkoren habe.

Staatsanwältin Pavel und Richterin Thies einigen sich über die Konsequenzen: Die Angeklagte kriegt schriftlich einen Strafbefehl über acht Monate Gefängnis mit Bewährung und 200 Sozialstunden zugestellt. In den Briefkasten ihrer Nichte.

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