Amtsgericht: „Immer weiter bergab“

Lüdenscheid - Es ist ihm deutlich anzumerken: Er weiß, wie es im Knast zugeht, und er will keinesfalls mehr dahin zurück. Zwei Haftstrafen reichen, die letzte dauerte 16 Monate. Aber er hat wenig daraus gelernt. Und so sitzt der arbeitslose Lüdenscheider (32) schon wieder auf der Anklagebank. Diesmal wegen unerlaubten Besitzes und Handels mit Drogen in nicht geringer Menge.

Der Schreck ist gewaltig am 19. Juni. Polizei vor der Tür und rund 110 Gramm Marihuana und Haschisch in der Wohnung, dazu Verpackungstütchen und eine Waffe. „Das war ein dummer Kauf, die lag nur so rum, war gar nicht scharf.“ Die Sachen werden natürlich konfisziert, das nächste Verfahren läuft.

Einfach auszupacken, das wäre jetzt optimal – und würde das Strafmaß senken. Aber der Vorsitzende des Schöffengerichts, Amtsrichter Thomas Kabus, fragt vergeblich nach Bezugsquellen, Namen von Kunden oder Vertriebswegen. Strafverteidigerin Julia Kusztelak rät ihrem Mandanten zur Zurückhaltung. „Es könnte sonst Probleme in der Szene geben.“ Der Richter nimmt’s hin.

Dafür erzählt der Angeklagte freimütig aus seinem Leben. Von der Grundschule aufs Gymnasium, dann zur Realschule, dann Hauptschule – „es ging immer weiter bergab“. Mit zwölf Jahren geht’s los mit der Kifferei, später kommen andere Drogen dazu. Er geht zur Bundeswehr, will sich verpflichten, wird aber unehrenhaft entlassen – Drogenfund auf der Stube. Er beginnt eine Ausbildung zum Werkzeugmechaniker, streitet sich mit seinen Eltern, fliegt raus und bricht die Lehre ab. Es folgen Verurteilungen und Haft. Talsohle erreicht.

Drei bis vier Gramm „Gras“ oder Haschisch raucht der junge Mann – inzwischen Vater – täglich. Bei den üblichen Grammpreisen braucht er rund 1000 Euro pro Monat für Drogen. Der Staatsanwalt ist sicher: „Das schafft man nicht mit Hartz IV.“ Deshalb liegt der Schluss nahe, dass der Angeklagte Drogen verkauft. „Aber eher so an Freunde oder Verwandte“, sagt er.

Doch er präsentiert sich einsichtig, ist angeblich seit mehreren Monaten „clean“ und will endlich seine Ausbildung abschließen. Der Staatsanwalt bescheinigt ihm, „einen ganz vernünftigen Eindruck“ zu machen und plädiert auf 18 Monate mit Bewährung.

So entscheidet das Gericht. Bewährungsauflagen: Gespräche bei der Drogenberatung und 200 Stunden gemeinnützige Arbeit. Der Angeklagte sagt: „Danke!“

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