Amtsgericht: Immer unter Beschaffungsdruck

Lüdenscheid - Ihr Mandant sei in Lüdenscheid „bekannt wie ein bunter Hund“, sagt Rechtsanwältin Julia Kusztelak. Der 38-Jährige sitzt neben ihr, ein baumlanger Kerl mit breiten Schultern, 16 Vorstrafen, drogensüchtig und knasterfahren, ein harter Brocken. Doch als die Sprache auf seine Mutter kommt, die sich endgültig von ihm abzuwenden droht, rollen Tränen über die unrasierten Wangen.

Neun Diebstähle, davon acht im besonders schweren Fall, Nötigung, Beleidigung und acht Schwarzfahrten mit der Bahn – das steht diesmal auf dem Programm des Schöffengerichts. Er könne sich nicht an alles erinnern, sagt der Lüdenscheider, es seien „halt blöde Sachen passiert“. Aber es gibt nichts abzustreiten. Richter Thomas Kabus wertet die Aussage als „vollumfängliches Geständnis“.

Immer auf der Suche, immer unter Beschaffungsdruck, immer in Geldnot, immer Angst vor Entzugserscheinungen, nie Ruhe – so streift der Mann durch die Stadt. Er bricht wahllos Autos auf, knackt Bürotüren und Automaten, „damit ich für den nächsten Tag was hatte“. Einmal streitet er sich im Linienbus mit einer Frau, zerrt sie am Schal auf den Gehweg und tituliert sie als „hässliche Dreckslesbe“.

Die Fahrten zu seinem Substitutionsarzt in Schwerte, der ihn mit legalem Heroin-Ersatz versorgt, kann er nicht bezahlen – steigt aber trotzdem in den Zug. Julia Kusztelak spricht von der „Spitze des Eisberges“. Wer weiß, wie oft er nicht erwischt wurde. Die Zahl seiner Straftaten ist beachtlich. Aber Richter Kabus sieht das Kernproblem in der langjährigen schweren Drogenabhängigkeit des Angeklagten.

Wenn der Häftling über sein Leben erzählt, wirkt er selbstkritisch und „sehr reflektiert“, bemerkt der Richter. „Das hat man selten.“ Es geht um die alleinerziehende Mutter, „die es nicht geschafft hat, mich rund um die Uhr zu beaufsichtigen“. Es geht um falsche Freunde, mit denen er „in frühester Jugend in Kontakt mit irgendwelchen Substanzen“ gekommen ist. Und es geht um die Szene in Lüdenscheid, auf die er nach zwei erfolgreichen Therapien zurückgekehrt ist. „Und dann ist alles wieder in die Hose gegangen. Man kennt halt nur noch diese Leute.“

Seine Mutter habe ihn zwar zu Weihnachten noch einmal im Knast besucht, aber gedroht: „Wenn du jetzt nichts änderst...“. Der Zwei-Meter-Mann wischt sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. „Sie will meinem Verfall nicht länger zuschauen.“

Bewährung kommt nicht in Frage. 23 Monate „ohne“, so lautet das Urteil. Darin steht aber auch, dass er noch eine Therapiechance bekommen soll. Kabus: „Sie suchen sich danach besser einen neuen Lebensmittelpunkt!“

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