Amtsgericht: Illustre Runde mit maulfaulen Zeugen

Lüdenscheid - Es mutet an wie eine kleine Parallel-Welt neben der Lüdenscheider Gesellschaft. Junge Menschen, die sich gegenseitig überfallen, schlagen und treten, die sich gegenseitig Drogen verkaufen, Handys klauen, Geld schulden, sich bei der Polizei anschwärzen oder bei Bedarf an nichts mehr erinnern können.

Schon wieder sitzen zwei Vertreter dieser „Zunft“ vor den Schranken des Jugendschöffengerichts. Oberstaatsanwalt Wolfgang Rahmer wirft ihnen Körperverletzung, Raub, Drogenbesitz, Bedrohung und Erpressung vor.

Der Jüngere der beiden ist der Hauptangeklagte. Ein Jahr Jugendstrafe bringt er aus einer früheren Verurteilung schon mit. Seit dem 6. August sitzt er in U-Haft. Dort wurde er kürzlich 18 Jahre alt. Druck und Prügel gab es für seine Opfer. Wer über seine Missetaten aussagte, wer ihm 30 Euro für Marihuana schuldig blieb, wer sich seinem Willen nicht fügte, kriegte „Klatscher“, wie er es sagt – oder „Boxer“.

Es stimme „nicht komplett“, was in der Anklageschrift steht, sagt der Angeklagte zum Richter. „Einiges ist verdreht.“ Und so räumt er ein paar Vorwürfe ein. Marihuana-Tütchen zwischen den Pobacken deponiert – ja. „Gras“ verkauft – ja. Aber wüste Drohungen ausgestoßen – nein. Also müssen Zeugen aus der Szene aussagen, „eine illustre Runde“, wie der Richter anmerkt.

Den Anfang macht ein blasser Schlaks (19). Gleich auf die Eingangsfrage sagt er „Weiß nicht mehr“. Was er bei der Polizei ausgesagt hat, „kann ich mich nicht erinnern“. Er sei schon zu vielen Dingen vernommen worden.

Eine 17-jährige im Zeugenstand ziert sich, reagiert maulfaul, mag nicht konkret werden. Der Richter: „Manche Fragen werden mir im Kindergarten besser beantwortet.“ Der Ankläger: „Sie spielen hier die gelangweilte junge Dame.“ Der Angeklagte soll sie geschlagen und gewürgt haben, auf offener Straße, am Sauerfeld. Kein Passant hat eingegriffen. Letztlich bestätigt das Mädchen die Vorwürfe zögerlich.

Ein 18-Jähriger sagt: „Ich war nicht dabei“. Ein 20-Jähriger meint: „Ich weiß es ehrlich nicht mehr“. Ein 19-Jähriger erinnert sich: „Ich hab’ nix gesehen.“ Ein 16-Jähriger weiß etwas, will sich aber nicht selbst belasten – und muss das laut Gesetz auch nicht. Der Richter: „Es geht um Drogen, um was denn sonst!?“

Der Mitangeklagte, ein vorbestrafter 19-Jähriger, legt ein Teilgeständnis ab. Die Beweisaufnahme ist vergleichsweise unergiebig, aber die Geständnisse und die Indizien reichen aus. Das Jugendschöffengericht verurteilt den Haupttäter zu 21 Monaten mit Bewährung und hebt den Haftbefehl auf. Für seinen Kumpel gibt’s einen Freizeit-Arrest.

Von Olaf Moos

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