Amtsgericht: Geldbuße wegen „Piselkrams“

LÜDENSCHEID ▪ „Sagen Sie mal, warum machen Sie so was mit Ihren 18 Jahren?“, fragt Amtsrichter Jürgen Leichter den Angeklagten ungläubig. Immerhin sei er „ja nicht mehr in der Phase, in der man so’n Kleinzeug klaut“ – sondern besser gar nicht. „Manchmal denke ich zu spät nach“, antwortet der junge Lüdenscheider. Und schaut betreten auf die Tischplatte vor sich.

Zeugen sind gekommen, die können gleich wieder gehen. Der Junge gesteht die beiden Ladendiebstähle, die er im Juni begangen hat: für 1,19 Euro einen gekühlten Schokoriegel bei „netto“, vier Tage später bei „Rewe“ ein „Magnum“-Eis für 1,80 Euro. Es muss sehr warm gewesen sein in diesen Tagen.

Der Richter bleibt sehr interessiert an Einzelheiten. „Haben Sie das Eis in die Jacke gesteckt in der Hoffnung, dass es nicht schmilzt?“ Die Antwort ist ein stummes Schulterzucken. Nein, er habe kein Geld dabeigehabt, sagt er auf die nächste Frage. Der Richter wirkt leicht verärgert – „Piselkram“ nennt er die Beutestücke. Und redet dem Jungen, der zum ersten Mal vor dem Kadi sitzt, väterlich ins Gewissen.

Die Frau von der Jugendgerichtshilfe ordnet die Straftaten – vergleichsweise Lappalien – in die Biographie des Angeklagten ein. Sie spricht von „erheblichen Reifeverzögerungen“ ihres Klienten, der seit dem vierten Lebensjahr in einer Pflegefamilie untergebracht ist und „zwischendurch im Internat“ war. „Er braucht Förderung, weil er noch keine Eigenständigkeit erreicht hat.“

Der Richter sieht es genau so und denkt laut über zwei Varianten nach: „Geldbuße oder Sozialstunden?“, fragt er den zerknirschten Angeklagten. „Was wäre denn schöner für Sie?“ Der wirkt verdutzt, denkt kurz nach und entscheidet sich für die Geldbuße. „Ich wüsste ja auch gar nicht, wie ich neben meiner Ausbildung noch Stunden leisten sollte.“ 50 Euro beantragt die Staatsanwältin. Nach einer Viertelstunde fällt das Urteil. Der Junge bleibt sitzen. Der Richter sagt: „Sie können jetzt gehen.“

Olaf Moos

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