Amtsgericht: Fünf zähe Stunden bis zum Freispruch

LÜDENSCHEID ▪ Die Umstände sind einfach zu verdächtig. „Das war alles irgendwie komisch“, sagt eine Zeugin. Und der Verdacht wiegt schwer: Da brummt ein Kfz-Mechaniker auf der Nottebohmstraße mit einem schweren Geländewagen mit Vollgas in das Heck eines gelben Porsche Carrera Cabrio. Der Porsche-Fahrer ist ein enttäuschter Werkstatt-Kunde, der seinen Wagen abholen wollte – ohne die geforderten Unterschriften zu leisten. Seine Autoschlüssel hatte er zuvor bei einem Streit mit dem Schrauber an sich gerissen.

Für Staatsanwalt Christian Klose liegt der Fall anfangs klar. Erst der Streit, dann der Unfall – das kann kein Zufall gewesen sein. Die Anklage lautet auf gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr, gefährliche Körperverletzung und Sachbeschädigung. Verbrechenstatbestände. Der Porsche-Fahrer hatte ein Schleudertrauma erlitten, der Schaden an seiner Karosse betrug 24 103,01 Euro. Der verdächtige Mechaniker musste seinen Führerschein abgeben.

Doch der Nachweis der Schuld bereitet Kopfzerbrechen. Fast fünf Stunden lang müht sich das Schöffengericht unter Vorsitz von Amtsrichter Jürgen Leichter zäh mit der Wahrheitsfindung ab. Ein äußerst wehrhafter Strafverteidiger, Rechtsanwalt Jens Gunnar Cordes aus Dortmund, und ein „wackeliger“ Zeuge, der sich in Widersprüche verstrickt, erschweren den Job. Die Frage, wer den Unfall aus welcher Entfernung mit wem zusammen beobachtet hat, entpuppt sich als nicht beantwortbar.

Auch der Porsche-Fahrer kann im Zeugenstand nicht viel beitragen. Er gibt den Schlüssel-Klau zu. Der Richter: „Sie haben den Angeklagten hinters Licht geführt?“ Der Zeuge: „Ja, durchaus, ich wollte mein Auto wiederhaben.“ Dafür setzte er das Pfandrecht der Werkstatt außer Kraft, schraubte am Straßenrand in der Nähe der Werkstatt Kennzeichen an seinen Renner und wollte losfahren. „Und dann hat’s gerumst.“

Doch ein Motiv für die Attacke per Landrover ist nicht ersichtlich. Für seinen Chef tat er es sicherlich nicht, denn mit dem hatte er sich schon überworfen. Eine Kündigung stand im Raum. Eigene wirtschaftliche Interessen hatte er an dem Schaden nicht, „und sich selbst verletzen, das tut man nicht“, so Cordes.

Angesichts der bröckelnden Beweislage muss Christian Klose erkennen, dass ein Vorsatz nicht zu belegen ist. Immerhin: fahrlässige Körperverletzung. Vier Wochen war der Porsche-Fahrer arbeitsunfähig. Aber auch da spielt das Gericht nicht mit. Richter Leichter spricht von „Restzweifeln“. Es sei möglich, dass es keine Absicht war. Bleibt ein „normaler“ Verkehrsunfall. Und danach hatte der Schrauber Vorfahrt, und der Mann im teuren Cabrio hätte besser aufpassen müssen. Leichter: „Eine knappe Entscheidung.“ Sie lautet: Freispruch.

Olaf Moos

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