Amtsgericht: Frühlingssonne und milde Stimmung

LÜDENSCHEID ▪ Die Frühlingssonne scheint in Saal 125 des Amtsgerichtes und verbreitet milde Stimmung. Der Angeklagte ist zwar nicht zugegen, aber Amtsrichter Jürgen Leichter hat sich schon schwerer geärgert als heute.

„Man könnte die Sache ja mit einem Strafbefehl ahnden“, wirft er gut gelaunt in den Raum. Verteidiger Dirk Löber scheint nicht abgeneigt. Mehr als ein Jahr mit Bewährung wäre dann nicht drin. Der Staatsanwalt aber wiegt skeptisch sein Haupt. Das wird wohl nichts.

Aber dann kommt er ja doch noch, der 34-jährige Drogensüchtige. Er war erstmal zum ehemaligen Amtsgericht an der Philippstraße gerannt und wirkt nun abgehetzt. Schulabschluss zwar, aber keinen Beruf gelernt. Der Richter: „Wann haben Sie denn zuletzt gearbeitet?“ Der Angeklagte: „So vor 16 oder 17 Jahren.“ Krebskrank sei er gewesen, die Ausbildung habe er damals abbrechen müssen. Warum er nach seiner Genesung vor etwa 15 Jahren dann nicht angefangen habe, will Leichter wissen. Die Antwort bleibt nebulös. Seine Zähne hätten unter den Bestrahlungen gelitten. „Aber jetzt absolviere ich gerade ein Bewerbungstraining.“

26 Mal hat der dürre blasse Mann bei einem Osteuropäer Amphetamin gekauft, zwei Mal jeweils mehr als 200 Gramm. Die Speed-Tabletten hat er größtenteils selbst geschluckt, die größeren Mengen hat er geteilt und die Hälfte „an einen Daniel aus Lüdenscheid“ verkauft. „Den Nachnamen und seine Adresse kenne ich nicht.“

In den Zeugenstand tritt stattdessen sein Lieferant, ein 32-jähriger unscheinbarer Maschinenbediener. Der bestätigt die Aussage seines Kunden – er hat sowieso nichts mehr zu verlieren. Vor zwei Wochen hat ihn das Landgericht Hagen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Einfahren musste er noch nicht. „Erst mache ich noch ein paar Zeugenaussagen.“ Er kennt die Szene und wird Namen nennen.

Der Vertreter der Anklage attestiert einen minderschweren Fall. Der Angeklagte ist nicht vorbestraft. Antrag: eineinhalb Jahre und 80 Sozialstunden. Da kann sich Rechtsanwalt Löber kurz fassen. Der Angeklagte fasst sich noch kürzer und schließt sich den Worten seines Verteidigers an. Nach einer halben Stunde ist der Prozess gegessen, 20 Minuten dauert die Beratungszeit, das Urteil: 16 Monate mit Bewährung, 50 Sozialstunden und mindestens fünf Sitzungen beim Drogenberater.

Wie gesagt: Die Frühlingssonne scheint milde zu stimmen.

omo

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