Amtsgericht: Eleganter Schläger mit viel Vertrauen

Lüdenscheid - Schlank, dezent lächelnd, im dunklen Anzug, elegantem Wollmantel und geputzten Schuhen – der Auftritt des 44-jährigen wirkt perfekt. Und steht im krassen Kontrast zu den Vorwürfen, denen er sich vor Strafrichter Kabus stellen muss. Er soll im Vollsuff einen guten Freund krankenhausreif geprügelt haben, frühmorgens am 1. März, vor einer Shisha-Bar an der Werdohler Straße.

Dolmetscher Tekin Özbey übersetzt: „Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll.“ Hätte er seinen Strafverteidiger noch, wüsste der Beschuldigte es vielleicht. Doch es gab Streit, der höfliche Hartz-IV-Empfänger entzog Rechtsanwalt Dominik Petereit drei Minuten vor dem Prozess das Mandat. Petereit beobachtet den Prozess gegen seinen Ex-Mandanten deshalb nur vom Zuschauerraum aus.

Was der Grund für die Attacke auf den Lagerarbeiter (49) ist, bleibt ein Geheimnis. Die Beteiligten – sie bezeichnen sich gegenseitig immer noch als „gute Freunde“ – können sich an den Anlass der Auseinandersetzung nicht erinnern. „Wir waren beide sehr sehr betrunken.“ Der Angeklagte behauptet: „Wir haben uns gegenseitig geschlagen.“ Vorher sei man beim Verlassen der Bar Arm in Arm die Treppe runtergefallen.

Der Lagerarbeiter hat die Sache anders im Gedächtnis. „Er fing plötzlich an zu schlagen. Ich dachte, er hört wieder auf, wie üblich. Aber er machte immer weiter.“ Auch mit den Füßen, als er schon zu Boden gegangen war. „Ich habe um Hilfe geschrien.“ Eine unbeteiligte Zeugin bestätigt die Version des Opfers. Die Leiharbeiterin wird aus dem Schlaf geschreckt, schaut aus dem Fenster und ruft die Polizei. Der Rettungswagen kommt, es folgen: zwei Tage stationäre Behandlung im Klinikum.

Der Staatsanwalt meint, der Verletzte sei „noch glimpflich davongekommen“ und beantragt eine Geldstrafe von 2700 Euro gegen den Vorbestraften. Der sagt leise: „Ich vertraue der deutschen Regierung, den Gesetzen, ich vertraue allem.“ Richter Kabus entspricht dem Antrag des Anklägers. Der Verurteilte lächelt und bedankt sich höflich – und schüttelt allen Prozessbeteiligten zum Abschied herzlich die Hand.

Von Olaf Moos

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare