Amtsgericht: Eine wirklich schwere Kindheit

LÜDENSCHEID ▪ Amtsrichter Jürgen Leichter kennt sie alle schon, diese Geschichten über schwere Kindheit, verkorkste Jugend und Schulprobleme. Zu viele Angeklagte haben dieses Pfund allzu oft – weinerlich und meistens vergeblich – in die Waagschale geworfen. Der 28-Jährige, der sich gestern wegen Drogenhandels verantworten musste, ist alles andere als weinerlich. Aber das, was er freundlich und offen über sein Aufwachsen erzählt, das klingt nach wirklich schwerer Kindheit und Jugend. „Ein Fehlstart ins Leben“, wie Strafverteidiger Axel Grüber sagt.

Der redselige Mann – schlank, lächelnd, wacher Blick, fünffach vorbestraft – hat 192mal Amphetamin an einen Freund verkauft, sagt die Staatsanwältin. „Das ist totaler Quatsch“, sagt der Angeklagte. Er habe „selber Drogen genommen, und zwar viel“ – und seinem Kumpel dann und wann was mitorganisiert. „Ohne mich bereichern zu wollen.“ Doch auch das ist unerlaubter Handel.

Aber so häufig sei das nicht gewesen. Der Kumpel im Zeugenstand sagt: „Ich kann mich nicht wirklich erinnern, weil ich zu der Zeit sehr viele Drogen genommen habe.“ Ein paar Gramm Amphetamin, und die Freunde konnten am Wochenende durchfeiern, „drei Tage ohne Schlaf, ohne Essen“, wie der Angeklagte sagt. „Ich bin kein lieber Junge.“ In 128 Fällen wird das Verfahren mangels Beweisen eingestellt, bleiben 64 übrig.

Die exzessive Feierei des 28-jährigen Arbeiters erscheint wie ein Riesenkontrast zu seinem früheren Leben. Er erzählt: Der Vater war selbstständiger Waldarbeiter. Es gab ein kleines Haus, aber keinen Strom, dann eine Notunterkunft, fünf Personen auf 32 Quadratmetern. Sieben Schuljahre absolviert, „ich war gar nicht doof“, aber dann nahm der Vater den Jungen zum Arbeiten mit in den Wald. Und die Mutter schrieb Entschuldigungen an die Lehrer. „Ich hatte Rekordfehlzeiten.“ Als er 17 war, wachte er nachts auf, ging in die Wohnstube und schaltete den Fernseher an. Neben ihm auf der Couch lag seine Mutter – tot. „Das habe ich erst nach einer Stunde gemerkt.“ Es sei die härteste Nacht seines Lebens gewesen.

Ein Jahr Freiheitsstrafe mit Bewährung gibt es für die Drogendealerei. „Auf keinen Fall übermäßig streng“, wie Leichter sagt. Der Angeklagte akzeptiert das Urteil – und lächelt.

Olaf Moos

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare