Amtsgericht: Eine lange Reihe von Brüchen

LÜDENSCHEID ▪ Sein Leben besteht aus einer langen Reihe von Brüchen. Kontakt zur Mutter, dann Leben beim Vater: beides abgebrochen. Aufenthalt in der Pflegefamilie: abgebrochen. Heimunterbringung abgebrochen, Ausbildung abgebrochen, Beziehungen zu Mädchen abgebrochen worden, Vertrauen von Freunden, Mitbewohnern und Arbeitgeber gebrochen, Verträge gebrochen – Gesetze gebrochen. Endstation Schöffengericht.

Das verurteilt den 23-Jährigen wegen Betruges, Unterschlagung und Diebstahls in 13 Fällen zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten.

Die Anklageschrift zeichnet 15 Monate im Leben eines Kleingauners nach. Der etwas dickliche und weich wirkende Lüdenscheider bekommt einen Mietvertrag, unterschreibt ihn nicht, zieht aber trotzdem für ein paar Wochen in die Wohnung ein, allerdings ohne Miete zu zahlen. Er leiht sich von seinem Arbeitgeber, einem fleißigen und gutgläubigen Autoaufbereiter, mehr als 1000 Euro und zahlt nichts zurück. Er soll für seinen Chef ein Laptop in Reparatur geben. Der Chef sieht das Ding nie wieder.

Er klaut einem Arbeitskollegen einen Autoschlüssel aus dem Spind und fährt dessen Audi A3 zuschanden. Seinem Kumpel in der neuen Wohngemeinschaft stiehlt er die Kreditkarte, kauft vier hochwertige Mobiltelefone für knapp 1800 Euro und mietet ein Auto. Er fährt mit dem 126 000 Euro teuren 7er-BMW eines Kunden tagelang kreuz und quer durch Deutschland, anstatt ihn in der Werkstatt aufzubereiten und brav wieder abzugeben. Er mietet einen VW Golf, fährt 5500 Kilometer damit und bittet einen Freund, die Karre mit geklauten Kennzeichen für ihn zu verkaufen. Schließlich verkauft er bei „ebay“ Mobiltelefone und ein Navi, kassiert das Geld, liefert aber nicht.

Die Sachlage ist klar, der Angeklagte gesteht alles, Verteidigerin Julia Kusztelak aus Hagen muss sich nicht mehr groß anstrengen. Denn der Staatsanwalt hat ein Einsehen und beantragt eine Freiheitsstrafe mit Bewährung. Damit wäre der junge Mann nach fünfmonatiger Untersuchungshaft wieder auf freiem Fuß.

Das Schöffengericht unter Vorsitz von Amtsrichter Jürgen Leichter entspricht dem Antrag, verknüpft den Bewährungsbeschluss aber mit der Bedingung, der Verurteilte solle sein Leben ändern und sich in die Obhut von Profis begeben.

Damit hat der Dieb und Betrüger schon begonnen. Ein Platz in der betreuten Jugendwohngemeinschaft „Pappschachtel“ in Bochum ist ihm sicher.

Olaf Moos

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