Amtsgericht: Durchgangs- statt nur Endstation

LÜDENSCHEID ▪ Es geht oft genug um Rauschgift am Amtsgericht. Haschisch, Marihuana, Amphetamine, Kokain oder sogenanntes Pep oder andere Mode- und De-signerdrogen – aber dass ein „richtiger“ Heroin-Junkie auf der Anklagebank sitzt, hat inzwischen eher Seltenheitswert. Das allerdings ist dem 38-Jährigen herzlich egal.

Sein Leben darf als Absturz bezeichnet werden. Eine Biographie, derer man leider fast überdrüssig wird beim Zuhören: alkoholkranker Vater, Gewalt in der Familie, Hauptschule, Lehrlingsheim, falsche Freunde, erstes „Gras“ mit 17, Abbruch der Ausbildung, Heroin, arbeitslos, 13mal straffällig, obdachlos, Haft, Therapie, Rückfall, Endstation Schöffengericht. Doch der redselige und abgemagerte Mann neben Strafverteidiger Thorsten Merz aus Hagen begreift den Prozess tapfer als Durchgangsstation.

Ohne Zögern nickt er die Anklagevorwürfe ab. Sieben Ladendiebstähle sind damit schnell aufgeklärt. Und ohne es zu erörtern, ahnen die Prozessbeteiligten offenbar, was er mit der Beute angestellt hat. „Ich brauchte ein bis zwei Gramm täglich, das Gramm für 30 bis 40 Euro.“ Als Aushilfsschreiner auf 400-Euro-Basis kam er nicht weit. Zu Amtsrichter Thomas Kabus sagt er: „Sie können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, wie das ist – morgens mit dem Gefühl aufzuwachen, jetzt muss ich wieder Scheiße bauen, um den Tag irgendwie zu überstehen.“

Also zieht er los. Acht Pfund Kaffee beim Aldi, fünf Flaschen Bacardi bei Rewe, 21 Tafeln Milka bei Netto oder 48 Pakete Kaffee bei Rossmann, Melitta Auslese und Harmonie. „Das waren höchstens 20“, sagt Thorsten Merz. „48 kann man alleine gar nicht rausschleppen.“ Unstrittig sind aber die Ladendiebstähle bei Saturn und Berlet. Am 3. August zum Beispiel packt er zehn Festplatten ein, Gesamtwert 847,94 Euro – und wird erwischt.

An das alles erinnert er sich, trotz harten Suchtdrucks zur Tatzeit. Eine verminderte Schuldfähigkeit bringt ihm das nicht ein. Ohnehin glaubt Richter Kabus, „dass wir hier nur die Spitze des Eisberges verhandeln“. Aber: „Sie sind jemand, mit dem man sich gut unterhalten kann.“ Und so unverblümt der Angeklagte seine nahezu ausweglose Lage beschreibt, so bereitwillig erkennt das Gericht seinen Willen an, seinen Absturz jetzt endlich zu stoppen. In der U-Haft – „die hat mir echt geholfen“ – hat er sich einen Therapieplatz besorgt, der heimischen Szene hat er den Rücken gekehrt.

Das Schöffengericht verurteilt ihn zu 20 Monaten ohne Bewährung. Seine Drogentherapie, wenn's denn klappt, kann er sich auf die Haftzeit anrechnen lassen.

Olaf Moos

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