Amtsgericht: „Der fährt aber komisch!“

Lüdenscheid - „Ich bin kein Trinker! Ich bin ein seriöser Mensch!“ Er habe doch nur seine von ihm geschiedene Frau zurückhaben wollen. Aber die Wahl der Mittel ist ihm gründlich missglückt. Dafür muss ein Qualitätsprüfer (57) nun bitter büßen.

Es ist der 1. August ‘15. Wieviel und was er in sich hineinschüttet, daran mag er sich heute nicht mehr erinnern. „Ich weiß nicht mehr. Was eben so im Regal stand.“ Aber er weiß noch sehr gut, dass er sich dann in seinen Hyundai gesetzt hat. Und als er in Schlangenlinien die Talstraße hinunter eiert, fällt das einem Pärchen im Wagen dahinter auf. Der Zeuge (30) erzählt: „Wir haben gesagt, der fährt aber komisch.“

Sie verfolgen den Hyundai die Südstraße hoch, bis der betrunkene Fahrer anhält und wenden will. Beim Rangieren rammt er eine Laterne. Da steigt der Angeklagte aus. Der Zeuge auch. „Ich habe gefragt: Sind Sie betrunken? Da hat er Ja gesagt.“ Der Versuch des Zeugen, dem Mann den Autoschlüssel abzunehmen, scheitert. Stattdessen steigt der wieder ein und fährt einfach davon.

Da ist es etwa 20.05 Uhr. Erst um 21.10 Uhr wird eine Blutprobe genommen. Sie ergibt einen Wert von knapp 2,5 Promille. Warum die Uhrzeiten dabei wichtig sind, erklärt Strafverteidiger Heiko Kölz. Demnach müsste ein Richter die zwangsweise Blutentnahme anordnen. Dafür gibt es am Amtsgericht extra einen Bereitschaftsdienst. Der dauert von 6 bis 21 Uhr. Zeitpunkt der Blutentnahme: 21.01 Uhr, kurz nach Ende der Richter-Bereitschaft.

Ersatzweise hat ein Staatsanwalt Grünes Licht gegeben. Kölz meint: Der Mandant hat sich fahrtüchtig gefühlt, er hat den Bumms an der Laterne nicht gespürt, er hat sich gegen die Blutentnahme gewehrt, und kein Richter hat sie angeordnet, obwohl die Polizei genug Zeit hatte, dem Richtervorbehalt zu entsprechen. Kölz: „Ich widerspreche der Verlesung und Verwertung des Gutachtens.“

Strafrichter Thomas Kabus kann „keine unzulässige Maßnahme“ erkennen. Kölz: „Das sehe ich anders.“ Kabus: „Nachvollziehbar, ist ja Ihr Job.“ Der Zeuge sagt: „Ich habe den Knall an der Laterne aus zehn Metern Entfernung gehört, dann muss der Angeklagte ihn auch gehört haben.“ Kölz: „Sie sind kein Sachverständiger, oder!?“

Es nützt nichts. Kabus verwertet die Erkenntnisse. „Das ist gesetzlich in Ordnung.“ Er verurteilt den Angeklagten zu einer Geldstrafe in Höhe von 1350 Euro und noch vier Monaten Fahrverbot. Ob der Verurteilte wenigstens seine Frau zurückbekommen hat, wird nicht erörtert.

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