Amtsgericht: alles noch mal von vorn

LÜDENSCHEID ▪ Alle sind sie da: das Opfer des mutmaßlichen Heiratsschwindlers, Schwester, Schwager und Anwalt im Gefolge, Staatsanwalt, Richter und Verteidiger sowieso, dazu neugierige Zuschauer, die mal sehen wollten, wie so einer aussieht.

Nur der Angeklagte (61), der lässt per Telefax wissen, dass er den Prozesstermin „wegen schwerer gesundheitlicher Einschränkungen nicht wahrnehmen“ könne. Damit zieht sich das Verfahren, sehr unschön für die 44-jährige, auf unbestimmte Dauer in die Länge.

Staatsanwalt Matthias Plöger ist nicht amüsiert – und zweifelt. „Ich beantrage eine amtsärztliche Untersuchung des Angeklagten im Hinblick auf seine Verhandlungsfähigkeit. Und ich behalte mir einen Antrag auf Haftbefehl vor.“ Er habe den Eindruck, der Beschuldigte entziehe sich dem Verfahren.

Das Verhalten des selbsternannten Internet-Sachverständigen passt für den Anklagevertreter ins Bild. 2011 hatte er der Lüdenscheiderin – der er 37 000 Euro entlockt haben soll – von Grund- und Immobilienbesitz in Spanien und den USA erzählt, die gesundheitlichen Folgen eines angeblichen Motorradunfalls proklamiert, dann will er stattdessen einen Schlangenbiss abbekommen haben. Unstimmigkeiten über sein Geburtsjahr erklärte er mit einer früheren geheimdienstlichen Tätigkeit.

Nun schreibt er in dem Fax von einer bevorstehenden Notfalleinweisung „entweder in Aachen, Köln oder Essen“, und von Sprach- und Schluckbeschwerden und Gleichgewichtsstörungen. Weiter steht da: „Ich habe Riesenangst und fürchte um mein Leben.“ Er werde dem Gericht wochen- oder sogar monatelang nicht zur Verfügung stehen können.

Das ist seinem Verteidiger Philippos Botsaris offenbar neu. „Er wollte mir ein Attest schicken, darauf warte ich bis heute.“ Und am Rande der Erörterungen erwähnt er, sich bald wohl von seinem Mandat entpflichten lassen zu wollen. „Herr R. sieht das Vertrauensverhältnis gestört.“

Das hat einen Grund. Denn der Angeklagte hatte gejammert. Er müsse von Schwerte aus immer mit dem Taxi nach Lüdenscheid kommen, weil er keinen Führerschein habe. Botsaris: „Wenig später habe ich gesehen, wie er am Gericht am Steuer eines Autos losgefahren ist.“

Das amtsärztliche Gutachten wird in etwa einem Monat vorliegen. Dann muss der Prozess noch mal von vorne beginnen. Und die Frau alles noch einmal erzählen.

omo

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare