Wenn Schema F nicht funktioniert

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Sabine Moritz und Jörg Esser mit Therapiehund „Frodo“. Im „Ambulant-Betreutes-Wohnen“-Büro an der Werdohler Straße 9 laufen die Fäden für die Betreuung der Klienten zusammen.

LÜDENSCHEID - Für die Klienten geht es um ihr Leben, das aus den Fugen geraten ist. Für die Perthes-Werk-Mitarbeiter von „Ambulant Betreutes Wohnen“ ist es Arbeit. Für Gordan Dudas war es „einer der emotionalsten Praktika-Tage, die ich hatte“.

Von Susanne Kornau

Der SPD-Landtagsabgeordnete war einen Tag lang mit unterwegs, hat gesehen, „was es mitten in unserer Gesellschaft gibt“. Seitdem kennt er nicht nur die Theorie, sondern auch etwas aus der Praxis. Erschüttert hat ihn, „dass hinter einer Haustür, an der man jahrelang vorbeigefahren ist, ein schreckliches Schicksal wohnt“.

Sabine Moritz und Jörg Esser sprechen lieber von Klienten als von Schicksalen. Distanz ist, bei aller gebotenen Nähe, wichtig. Wichtig, um selbst wieder Abstand zu bekommen, um nicht alles mit nach Hause zu nehmen, was sie am Tag erlebt haben. Das ist ein Spagat. Aber auch der Spagat zwischen Sozialarbeit und Finanzierung ist „ganz schwierig“, sagt Jörg Esser. Die Finanzierung laufe über das sogenannte Leistungsentgelt, erläutern die Sozialarbeiter. Das Problem dabei: „Wenn Menschen einen Termin nicht wahrnehmen oder nicht öffnen, wird die Leistungsstunde nicht bezahlt“, sagt Sabine Moritz. Dann ist Fahrzeit + Dienstzeit = verlorene Zeit. Zudem sei der Bedarf sehr schwankend. Esser: „Wenn ein Klient in eine Krise stürzt, sind wir bei sieben statt zweieinhalb Stunden pro Woche. Das heißt, man muss einen Antrag auf Erhöhung der Fachleistungsstunden stellen – was aber nicht rückwirkend geht.“

Dass Schema F nicht funktioniert, wenn jeder Fall anders liegt, das ist die Erkenntnis, die auch Gordan Dudas aus seinem Blick hinter die Kulissen der Wohlstandsgesellschaft gezogen hat. Er will nun auf politischer Ebene versuchen, Verbesserungen zu bewirken, Rahmenbedingungen zu schaffen, die dem Alltag, den Menschen zugute kommen. Ein erster Schritt wird sein, zu Jahresbeginn den sozialpolitischen Sprecher der Landtagsfraktion, Michael Scheffler, nach Lüdenscheid zu holen.

„Wie früher werde ich nie“

Die Arbeit der Sozialarbeiter ist zweigeteilt. Angelika Wendt kümmert sich um sozial Schwache, die in schlechten Wohnverhältnissen leben oder von Obdachlosigkeit bedroht sind. Zwölf Menschen betreut sie seit diesem Jahr; drei stehen auf der Warteliste. Ein rundes Dutzend Mitarbeiter, darunter Sabine Moritz, kümmern sich im Rahmen der Suchtkrankenbetreuung um 80 Klienten im Südkreis (im Lenne- und Volmetal sowie Lüdenscheid).

Sie kümmern sich um Menschen wie Ilija. Der ist 45, war ganz unten und rappelt sich langsam wieder auf. In Lüdenscheid ist er, der zuletzt am Niederrhein wohnte, hängengeblieben nach der Langzeittherapie in Spielwigge. Im März 2012 ist er umgezogen. Das war wichtig, sagt er. Raus aus der Umgebung, in der er alkoholkrank geworden ist. Der gelernte Elektriker ist ledig, hat mit 35 Jahren angefangen zu trinken, 2004 seinen Job verloren. Heute arbeitet er in der Integra-Werkstatt, „im Gartenbereich“, lebt in seiner Wohnung, hat wieder etwas Fuß gefasst und viel Hoffnung. „Das geht aufwärts, aber wie früher werde ich nie, sorglos und stark belastbar.“ Einmal die Woche bekommt er Hausbesuch vom ABW, einmal spielt er Tischtennis im Verein. Wenn möglich, geht er zum Frühstück in die Kontaktstelle. „Damit man morgens schon was Schönes hat“, sagt Sabine Moritz.

„Ich brauche noch Unterstützung vom ABW“, auch das sagt er, den Fremde nervös machen. Der deshalb so zittert, dass jemand anderer in der Runde die Adventskerze anstecken muss. Der das aber auch freimütig erzählt. Weil er weiß, dass er Hilfe und Verständnis findet, wenn er sie braucht. Wie im letzten Fall. „Ich hab gedacht, dass kann in unserem Land nicht passieren, dass jemand durch alle Löcher des sozialen Netzes plumpst“, sagt Jörg Esser. Dass es doch geht, schildert er kurz. Zwischen altem und neuem Wohnort, zwischen Gutachten, Jobcenter und Werkstatt für Behinderte – zu der Suchtkranke zählen – blieben die monatlichen Zahlungen für Miete und Lebensunterhalt auf der Strecke. Niemand fühlte sich zuständig, das Konto rutschte in die Miesen und war schließlich weg. „Das war ja nicht ich. Das waren die Paragraphen“, sagt Ilija. Esser: „Vom Gesetz her kann das, was hier passiert ist, gar nicht passieren.“ Entsprechend fassungslos ist er, „und verhältnismäßig wütend“. Jetzt muss das Sozialgericht urteilen. Dass die Sache mit dem Konto mittlerweile wieder anläuft, ist ein kleiner Erfolg.

„Der letzte Blick, den nimmt man mit“

Es sind Schwierigkeiten wie diese, die zu Rückfällen führen können. „Toll, dass er in dieser Situation gesagt hat: ‘Machen Sie sich keine Sorgen, ich bleibe trocken’“, freut sich Sabine Moritz. Für Ilija eine klare Sache: „Ich will ja auch euch nicht enttäuschen. Ihr seid ja genauso gefährdet wie ich.“

Die Profi-Helfer müssen mit Misserfolgen und Krisen ebenso klarkommen wie ihre Klienten. „Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir in ganz vielen Fällen Sterbebegleitung machen“, sagt Jörg Esser. „Manchmal öffnen wir Türen und finden Tote“, ergänzt seine Kollegin. „Heute morgen war’s zum Glück nur einer mit hohem Fieber, schwer krank. Der musste ins Krankenhaus.“ Wie man das wegsteckt, trotzdem seinen Job macht, das erfordert professionelle Herangehensweise. Und dennoch: „Man nimmt das mit“, sagt Jörg Esser. „Der letzte Blick, den nimmt man mit. Nicht den Museumsbesuch, wo man Spaß gehabt hat, sondern als er da lag, in der Wohnung.“ Wenn’s geht, nehmen die Perthes-Mitarbeiter an Trauerfeiern teil oder organisieren sie sogar. Zu den abrechenbaren Leistungen gehört das nicht. Aber zum Menschsein. Doch wenn’s übers Ordnungsamt läuft, erfahren sie nicht einmal den Zeitpunkt der Beerdigung. „Wir sind ja keine Angehörigen“, sagt Sabine Moritz. „Das macht den Umgang mit Trauer schwieriger“, ergänzt ihr Kollege. Vielleicht, so Gordan Dudas, könne man das „mal auf kommunaler Ebene“ ansprechen. Vielleicht ein weiteres Steinchen aus dem Weg räumen. Vernetzung spart Zeit. Und Nerven.

Die Gefahr von Burnout ist Teil des Berufsbildes, auch wenn die Sozialarbeiter in der Ausbildung gelernt haben, die Verantwortung an den Klienten abzugeben. „Ein Klient ist für mich ein Klient und kein Freund“, sagt Jörg Esser. Ein klar definiertes Ziel der Arbeit kann nur ein individuelles, auf den Einzelfall bezogenes sein. Es gebe Fälle, bei denen die Begleitung der Erfolg sei. Und: „Erfolg kann auch sein, eine Verschlimmerung zu verhindern.“

Bei Ilija stehen die Zeichen klar auf Verbesserung. Über Weihnachten fährt er zu seiner Mutter, macht „das Übliche, Naschen und so“. Vielleicht trifft er seine vier Geschwister, erzählt von seinem neuen Leben, von seinen Wünschen für 2014: einem Angelverein beizutreten. Und: „etwas regelmäßiger Tischtennis spielen“. Das macht er mit Jörg Esser. Für den ist das Arbeitszeit. Für Ilija ein Schritt auf dem Weg zurück ins Leben: „Also alleine hätte ich es nicht geschafft. Am Antrieb liegt es nicht, bei mir liegt es an den Ängsten.“

Ein ehrgeiziges Vorhaben verfolgen die Perthes-Betreuer für 2014, falls die Finanzierung klappt. „Wir wollen ein Schrebergartenprojekt machen“, erzählt Sabine Moritz, „eine Hütte kaufen und mit Klienten bewirtschaften.“ In der Fachsprache der Sozialarbeiter heißt das: „Die Eingliederungshilfe hat als Ziel die Inklusion.“ – „Und was heißt das?“ fragt Ilija. – „Dass Sie einfach dazugehören und zwar selbstverständlich.“

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