„Alles voll mit Blut und Scherben“

Lüdenscheid - Sieben Jahre Gefängnis – das Urteil vom 4. Oktober ist noch nicht rechtskräftig, der Bundesgerichtshof hat seine Entscheidung über die Revision noch nicht verkündet. Trotzdem muss sich ein 29-jähriger Familienvater aus Lüdenscheid – wie berichtet – jetzt abermals vor der 9. großen Strafkammer des Landgerichts Hagen verantworten, diesmal wegen gemeinschaftlichen Raubes und gefährlicher Körperverletzung.

Von Olaf Moos

Diese Vorwürfe waren erst im Laufe der ersten Hauptverhandlung zutage getreten.

In seinem ersten Prozess hatte sich der Angeklagte von seiner Verteidigerin eisernes Schweigen verordnen lassen. Jetzt sitzt Rechtsanwalt Andreas Trode neben ihm, jetzt spricht er, will offensichtlich reinen Tisch machen, gibt zu, einen jungen Mann geschlagen und getreten zu haben. Aber Details? „Keine Ahnung, wie das alles passiert ist.“ Das Tatgeschehen versinkt in einem dichten Nebel aus Wodka, Heroin, Kokain, Marihuana und Amphetamin.

In einer Wohnung in der Innenstadt gibt es 2010 zum Jahresende Stress. Mindestens vier Männer „schießen sich ab“, wie ein Zeuge sagt. Ein damals 18-jähriger Maschinenbediener sagt: „Plötzlich fingen die an, mich zu boxen.“ Der Mieter der Wohnung erzählt: „Die haben ihn wahllos durch die ganze Wohnung geprügelt und getreten.“ Bis die Polizei kommt und die Runde auflöst. Danach ging’s ans Säubern der Bude. „Alles voll mit Blut und Scherben“, wie der Mieter sagt.

Das Martyrium des Maschinenbedieners geht im Vorraum der Sparkasse weiter. Seine Peiniger verfolgen ihn. „Die haben solange auf mich eingeschlagen und -getrreten und mich gewürgt, bis ich meine Pin-Nummer verraten habe.“ Zu einer Geldabhebung kommt es nicht, weil er kein Geld mehr auf dem Konto hat. Die Angreifer fliehen, der Verletzte bricht zusammen und übernachtet kurz vor Silvester in dem Schaltervorraum. Der Angeklagte habe mitgeschlagen, heißt es. Der aber sagt: „Daran kann ich mich nicht erinnern.“

Dass das mehr als eine bloße Schutzbehauptung ist, attestiert ihm der Neurologe und Psychiater Dr. Bernd Roggenwallner. Es sei denkbar, dass die Steuerungsfähigkeit des 29-Jährigen durch die Vielzahl an unterschiedlichen Drogen erheblich vermindert war, sagt Roggenwallner. Und möglicherweise habe sein Suchtgebaren auch bei den bereits abgeurteilten Taten eine Rolle gespielt.

Das Ziel von Strafverteidiger Trode scheint nicht so fern zu sein: Die Unterbringung seines Mandanten in einer stationären Therapie.

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