"Wohnschule" der Lebenshilfe - ein ungewöhnliches Projekt

Kevin freut sich über seine erste Wohnung auf Zeit.

Lüdenscheid - Allein, aber nicht allein gelassen: "Wohnschule" heißt ein Projekt der Lebenshilfe, bei dem junge, geistig behinderte Menschen, erste Schritte in ein selbständiges Leben machen.

Als sein Freund das Handtuch warf, wurde er unsicher. Soll ich auch wieder nach Hause? Soll ich auch aufgeben? „Nein, ich ziehe das durch“, lacht Kevin Lohse und schaut sich stolz in der Wohnung um.

Das ist jetzt sein kleines Reich. Für einen ganzen Monat. Und auch, wenn es manchmal etwas unheimlich ist, wenn vor der Tür und vor den Fenstern raschelnde, durchsichtige Planen hängen, weil das Haus von außen gestrichen wird und die Arbeiten gerade nicht voran gehen, lebt der 17-Jährige gerade sehr gern in seiner Bude. Und das ist nicht selbstverständlich.

Kevin nimmt nämlich am Projekt „Wohnschule“ der Lebenshilfe teil. Das neue Wohn-Projekt – vorerst ein Projekt mit der Schule an der Höh – steht unter der Devise „sich ausprobieren“ und wird von der Stiftung Lebenshilfe Lüdenscheid mit 3500 Euro gefördert.

„Es gibt Menschen mit geistiger Behinderung die Möglichkeit, sich für eine Wohnform selbstbestimmt entscheiden zu können, – ohne direkt die Koffer dauerhaft packen zu müssen. Es wird das Leben außerhalb von Elternhaus oder Wohnstätte in einer eigenen Wohnung oder in einer Wohngemeinschaft getestet. Ängste, Unsicherheiten und Bedenken können so im Vorfeld ausgeräumt, Fehlentscheidungen und Enttäuschungen direkt vorgebeugt werden. Der neue Weg wird im wahrsten Sinne erst einmal ausprobiert“, erklärt Sven Sieburg, Mitglied im hauptamtlichen Vorstand, Bereichsleitung Ambulant unterstütztes Wohnen der Lebenshilfe Lüdenscheid.

Für Kevin ist das Projekt, das seit April dieses Jahres läuft, ein Segen. Der Lüdenscheider besucht die Abschlussklasse der Schule an der Höh. Einkaufen, kochen, putzen – den ganz normalen Alltag alleine zu bewältigen, ist eine große Herausforderung, die der junge Mann mit einem Strahlen angeht.

„Ich finde es toll“, sagt Kevin. Vor allem Einkaufen und Kochen machen ihm Spaß. Und natürlich wohnt er zwar allein, ist aber nicht allein gelassen. Jeden Tag schaut der Sozialpädagoge Dennis Besler vorbei, und „wenn ich mich einsam fühle, telefoniere ich mit Mama.“ Und: Dass man Fernseh gucken kann, wann man will, hat durchaus seinen Reiz.

Mit Kevin waren/sind es bisher vier junge Menschen, die bei der Wohnschule an der Hotopstraße mitgemacht haben. Jeder Teilnehmer wird dabei individuell bei einer selbstständigen Lebensführung, bei einer geregelten Tagesstruktur, bei der Freizeitgestaltung und der Erweiterung der eigenen Kompetenzen unterstützt.

Kevin hat schon mal gelernt, wie die Waschmaschine zu bedienen ist, und will unbedingt auch die Mikrowelle, die auch eine Back- und Grillfunktion hat, beherrschen. „Da müssen wir uns zusammen mal die Bedienungsanleitung durchlesen“, schmunzelt Sozialpädagoge Dennis Besler.

Maximal zwei junge Menschen können gleichzeitig in der 50 Quadratmeter großen Wohnung leben. Die Wohnung ist freundlich, zweckmäßig eingerichtet und hat durchaus – abgesehen vielleicht vom Boden und den Planen am Fenster – Wohlfühlcharakter.

Bilder, die in der Kunst-AG der Schule an der Höh entstanden sind, verschönern die Zimmer. „Und der Fernseher ist toll“, findet Kevin, der auch schon mal seine Familie und Freunde eingeladen hat. Dann serviert er auch gern Tee für den Besuch. Heimweh. Ängste. Wenn junge Menschen die ersten Schritte aus dem Elternhaus in die Selbständigkeit wagen, sind solche Gefühle an der Tagesordnung – bei gesunden Menschen ebenso.

Andersherum sind Eltern von Sorgen geplagt. Wird mein Kind das schaffen? Loslassen – ein Zauberwort, das Eltern von geistig behinderten Kindern vielleicht noch schwerer fällt als Eltern von gesunden Kindern. Die Betonung liegt auf vielleicht.

 „Meine Mutter freut sich“, sagt Kevin. Bügeln möchte er noch lernen. „Manchmal sollte ich vielleicht auch mehr putzen.“ Das Appartement gehört der Lebenshilfe, der Förderverein der Schule an der Höh zahlt einen Unkostenbeitrag für die Nebenkosten und die Einrichtung hat die Stiftung der Lebenshilfe bezahlt.

Nur die normalen Lebenshaltungskosten müssen von den Teilnehmern selbst getragen werden. „Wir möchten das Projekt einer breiten Masse zur Verfügung stellen.“, sagt Sven Sieburg. Nach Kevin möchten zwei junge Damen die „Wohnschule“ besuchen. Das Interesse am neuen Projekt ist groß – und wird von den Lehrern Rainer Frutig und Gerd Wenzel von der Schule an der Höhe begleitet. Sie wissen, wer diesen ersten Schritt meistern kann. Kevin jedenfalls ist die Herausforderung mutig angegangen.

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