Alle sind da, nur der Häftling nicht

LÜDENSCHEID ▪ Es ist mal wieder einer dieser Tage am Schöffengericht, an denen nichts so richtig klappt. Immerhin: Zwölf Zeugen, allesamt Polizeibeamte, haben sich durch den Schnee zum Amtsgericht gekämpft, der Staatsanwalt ist da, der Dolmetscher aus Kierspe angereist, Richter Thomas Kabus schaut noch optimistisch drein. Und dann die Frage: Wo ist der Angeklagte?

Das kommt ja häufiger vor. Denn Straftäter haben naturgemäß wenig Interesse daran, verurteilt zu werden. Aber der, der heute fehlt, ist schon verurteilt. Und sitzt im Gefängnis. Müsste also folglich nur hergebracht werden. Richter Kabus: „Die Ladung ist im September an seine Privatadresse zugestellt worden.“ Der Staatsanwalt sagt: „Die muss er bekommen haben. Am 30. September und 4. Oktober hat er noch Straftaten begangen.“

Taten wie: Auflauern, Bedrohen, Nachstellen, Schlagen, Treten. Verstöße gegen das Gewaltschutzgesetz. Verbrechen gegen die Ex-Ehefrau, die nichts weiter als Ruhe vor ihm haben will, damit sie arbeiten gehen und die beiden Töchter großziehen kann. Aber er hört einfach nicht auf. Im April handelt er sich zehn Monate auf Bewährung ein. Doch er gibt immer noch keine Ruhe. Im nächsten Prozess gibt’s noch einmal sechs Monate – diesmal ohne Bewährung, wieder von Kabus. Und den Widerruf der Strafaussetzung zur Bewährung über zehn Monate. Haftbefehl, Festnahme – und ab ins Gefängnis. Aber in welches bloß? Der Richter bemüht eine Justizbeamtin. „Rufen Sie mal in Attendorn an und fragen Sie, wo er bleibt.“ Die Antwort aus dem Gefängnis am Biggesee lautet: „Der ist nie hiergewesen, den kennen wir nicht.“

Inzwischen – die zwölf Polizisten warten immer noch auf dem Flur – ist die drangsalierte Ehefrau bei Gericht eingetroffen. Dolmetscher Tekin Özbey kommt mit ihr ins Gespräch. Und erfährt: Der Angeklagte sitzt in Remscheid ein. Der Staatsanwalt klemmt sich auch noch mal ans Telefon und kriegt die Bestätigung. „Seit dem 5. Oktober.“ Die Anklageschrift mit den neun neuen Vorwürfen – wie erwartet: alle einschlägig – kann er gleich wieder einpacken.

Der Richter lässt das Wort „Mist“ verlauten. Und bittet die Ordnungshüter in den Saal, zwecks Entlassung und Zahlung des Zeugengeldes. „Ich will ja nicht die ganze Polizei lahmlegen.“ Und entschuldigt sich mit dem Satz: „Das hat ein bisschen was von Bauerntheater.“

Die Ex-Gattin darf sich sicher fühlen. Ein neuer Prozesstermin wird ihr Zeit und Ruhe verschaffen. Denn dann gibt’s einen Nachschlag.

Olaf Moos

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