"Spuckis" mit Rasierklingen?

AfD-Vorwürfe gegen Antifa-Gruppen

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Spuckies, schnell geklebte Propagandazettel.

Lüdenscheid - Mit einer „Dringlichen Sicherheitsbekanntmachung“ wendet sich die Alternative für Deutschland an die Öffentlichkeit und an „alle aktiven Wahlkämpfer, Förderer und Unterstützer“.

Inhaltlich geht es um die Warnung vor so genannten „Spuckis“, Aufkleber, mit denen die im Wahlkampf angebrachten Plakate und Werbeträger angeblich zerstört und verschandelt würden. Doch der Vorwurf reicht noch deutlich weiter: Es „werden oftmals Rasierklingen hinter die Spuckis geklebt, um perfiderweise bei den AfD-Leuten massive Handverletzungen hervorzurufen“.

Noch gefährlicher wird es im weiteren Verlauf der Mitteilung: „Wir haben in der letzten Zeit verstärkt Stichproben, auch an Nicht-AfD-Werbeträgern und -Plakaten vorgenommen und stellenweise diese eingearbeiteten Rasierklingen gefunden. An zwei Kontrollstellen, in zwei Städten des Ruhrgebiets, haben wir eine noch perversere Art vorgefunden. Hier wurden Hohlnadeln von medizinisch genutzten Spritzen hinter die Spuckis geklebt.“

Verfasst ist die Mitteilung von Patrick Wilke, Beisitzer im Bezirksvorstand Arnsberg der Alternative für Deutschland. Verteilt unter anderem an die LN-Lokal- und die Kreisredaktion wurde sie von Sebastian Schulze aus Menden, Kandidat der AfD bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr.

Auch die Täter werden von der AfD in aller Deutlichkeit benannt. Es handele sich um „vorwiegend linksautonome Aktivisten“, heißt es. Konkretisiert wird die Tätergruppe weiter an der Stelle, an der es um die Spritzen geht: „An diesen Hohlnadeln können sich beispielsweise HI-Viren oder Hepatitis-Erreger befinden. Die Herkunft ist daher auch plausibel, aus Reihen der Antifa, darlegbar, da sich unter diese Gruppierungen viele Konsumenten so genannter harter Drogen befinden und Körperhygiene bei diesen Menschen leider keine Rolle spielt.“

Nachfragen der LN ergaben folgenden Sachverhalt: Vorfälle im Märkischen Kreis gebe es nicht, „wir haben ja noch keine Plakate hängen“, so Sebastian Schulze. Ob die Vorgänge bildlich dokumentiert und Strafanzeige erstattet worden sei, sei ihm nicht konkret bekannt. Er habe die Mitteilung „einfach so weitergeleitet“. Beweise gegen die Antifa gebe es nicht. Aber: „Das ist wahrscheinlich.“ 

KOMMENTAR

 

Naiv, dreist und entlarvend

Von Florian Hesse

Man muss die Antifa nicht mögen, um die Alternative für Deutschland zumindest befremdlich zu finden. Die „dringliche Sicherheitsbekanntmachung“, die die Partei an die Medien im Märkischen Kreis weitergereicht hat, erfüllt zumindest den Tatbestand einer Verleumdung und pauschalen Beleidigung. Gleichzeitig versucht die AfD, sich als Opfer darzustellen. Die journalistisch und handwerklich einfachste Lösung wäre gewesen, die Mitteilung einfach wegzuschmeißen. Denn nach mehreren Anrufen stellte sich als Rechercheerfolg die Erkenntnis ein, dass der Märkische Kreis und konkret die Stadt Lüdenscheid überhaupt nicht von den Attacken durch Rasierklingen und Kanülen betroffen sind. Eine solche Mitteilung trotzdem zu lancieren – wider besseres Wissen – zeugt entweder von Naivität, dass die Redaktionen wohl gar nicht nachfragen, oder einer gewissen Dreistigkeit. Möglicherweise ist auch beides im Spiel. Genau vor diesem Hintergrund macht es auch wieder Sinn, die AfD-Mitteilung wiederzugeben. Denn sie wirft ein denkbar schlechtes Licht auf die Verfasser selbst. Es mag ja durchaus sein, dass autonome Gruppen der AfD mit zweifelhaften Methoden den Kampf ansagen. Dadurch wird es aber nicht legitim, in Presseerklärungen die Täterschaft einfach mal zu behaupten mit der interessanten Beweisführung: Hinter den Spuckis klebten Spritzen, die seien wahrscheinlich verseucht, und genau das spreche für die Täterschaft der Antifa. Schließlich kümmerten sich die Mitglieder nicht um Körperhygiene und konsumierten harte Drogen. Aha. Was für ein Unsinn! Es ist ein hochgradig peinlicher Auftritt, den die AfD da hingelegt hat. Und ein entlarvender dazu. 

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