Interview mit Dr. Gudrun Benkhofer

HNO-Ärztin aus Lüdenscheid: „Kliniken graben unsere Angestellten ab“

Dr. Gudrun Benkhofer
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Dr. Gudrun Benkhofer

Wie läuft eine Facharzt-Praxis in Zeiten von Corona? Darüber – und über ihr Engagement im Kampf gegen die Pandemie – sprach Willy Finke mit der Lüdenscheider HNO-Ärztin Dr. Gudrun Benkhofer.

Frau Dr. Benkhofer, vor etwa einem Jahr schilderten Sie in einem Interview, wie stark die Pandemie den Alltag in Ihrer Praxis verändert hatte. Ist inzwischen Routine eingekehrt?

Ja, das ist so. Da macht sich der Vorteil bemerkbar, mit mehreren Kollegen zusammenzuarbeiten. Man kann Aufgaben auf viele Schultern verteilen.

Dann hat sich die Lage entspannt?

Das kann man so nicht sagen; im Grundsatz hat sie sich nicht geändert. Wir können einfach nicht mehr drei Sprechstunden parallel fahren, weil dann zu viele Leute in den Wartebereichen wären. Wir müssen auch leider immer noch um Verständnis dafür bitten, dass wir keine ganzen Familien mehr hereinlassen können, die einen einzelnen Patienten begleiten. Wir haben die Wartekapazitäten nicht mehr.

Also gar keine Begleiter mehr?

Doch, natürlich. Zum Beispiel bei Kindern und älteren Menschen, die Begleitung brauchen. Oder auch bei Personen, die einen Dolmetscher benötigen. Aber „Ach, wir wollten auch mal gucken, wie das abläuft“, und dann sitzen fünf Leute im Wartezimmer – das können wir nicht mehr.

Behandeln Sie wegen der Pandemie weniger Patienten?

Ja, wir behandeln definitiv weniger Patienten. Am Anfang war tatsächlich weniger Nachfrage da. Die Leute waren sehr zurückhaltend. Inzwischen ist die Nachfrage durchaus wieder da. Aber ich habe das Gefühl, dass viele unnötige Kontrolltermine – „Ich wollte vorsichtshalber noch mal gucken lassen“ – tatsächlich wegfallen. Das tut keinem weh.

Wer aber will, der bekommt auch einen Termin?

Ja, wir können sehr zügig Termine anbieten, jeden Notfall am gleichen Tag behandeln trotz der verringerten Kapazitäten, die wir haben.

Woran liegt das?

Wir können sehr strukturiert arbeiten, hinterfragen im Team immer wieder gemeinsam die Abläufe in der Praxis.

Hat sich Ihr Team im Laufe des vergangenen Jahres verändert?

Ja, leider. Die Kliniken graben seit einiger Zeit ganz aktiv ausgebildete Medizinische Fachangestellte ab. Wir haben gerade innerhalb von zwei Monaten drei Kündigungen bekommen, weil die Mitarbeiterinnen einfach zu besseren Konditionen in Kliniken wechseln. Da können wir nicht mithalten, das ist schon ein bisschen dramatisch und auch traurig für uns.

Bessere Konditionen – was bedeutet das konkret?

Eine Arzthelferin verdient besonders zum Berufsanfang nun mal leider nicht besonders gut. Da kann die Klinik locker zwei oder drei Euro in der Stunde drauflegen. In einer Praxis mit 15 Mitarbeitern kann ich aber nicht mal eben allen drei Euro mehr in der Stunde zahlen, während die Patientenzahlen zurückgehen.

Warum nicht?

Seit mehr als 20 Jahren wurde die Vergütungsordnung für Ärzte nicht mehr angepasst, während die Tarifgehälter für die Angestellten regelmäßig angehoben werden und die Kliniken jetzt noch einmal etwas drauflegen. Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch, das ist sicher ein Klagen auf hohem Niveau. Aber irgendwann geht einem dann doch einmal die Luft aus.

Dieses Problem betrifft sicher nicht nur Ihre Praxis?

Nein, natürlich nicht. Das geht es um einige Praxen verschiedener Fachrichtungen in Lüdenscheid. Den Kliniken, auch dem Klinikum Hellersen und der Sportklinik, ist es relativ egal, aus welchen Bereichen das Personal kommt. Es handelt sich zwar nicht um ausgebildete Krankenpflegekräfte, aber sie können viele organisatorische Dinge erledigen und in Weiterbildungen beispielsweise Kompetenzen im Wundmanagement erwerben. Die Arzthelferinnen entlasten damit die Pflegekräfte, verdienen aber immer noch weniger als sie – zum Vorteil der Kliniken.

Und Pflegekräfte fehlen nach wie vor?

So ist es. Da wurde in der Vergangenheit einfach nicht genug ausgebildet. Da haben Politik und Kliniken geschlafen, und nun haben die niedergelassenen Ärzte das Nachsehen.

Es ist zu hören, dass die Menschen aus Angst vor Corona seltener oder zu spät zum Arzt gehen, auch bei möglicherweise schweren Erkrankungen. Machen Sie diese Erfahrung auch?

Mir fällt zumindest auf, dass ich wirklich sehr, sehr lange schon keine Patienten mit neu aufgetretenen Tumorerkrankungen mehr gesehen habe. Es wäre ja schön, wenn es keine gäbe. Ich habe aber die Angst, dass sie alle in ein paar Monaten kommen, wenn sie schon massive Beschwerden haben. Dass Corona tatsächlich zu einem Rückgang von Tumorerkrankungen führt, das glaube ich einfach nicht.

Vor einem Jahr haben Sie beklagt, wie schwer es gewesen sei, an Schutzausrüstungen zu kommen. Hat sich das geändert?

Ja, das ist relativ zügig nach unserem damaligen Gespräch besser geworden und heute gar kein Thema mehr.

Gab es bei Ihrem Personal Corona-Erkrankungen?

Ja. Eine Mitarbeiterin hatte sich im privaten Bereich infiziert, und unsere Praxis in Werdohl hatten wir kurzzeitig schließen müssen, weil zwei Mitarbeiterinnen und ein Kollege erkrankt waren. Das bleibt in unserem Beruf leider nicht aus. Wir gucken den Leuten direkt in den Hals, und sie stehen auch leider nicht immer mit dem entsprechenden Abstand an der Anmeldung.

Tragen Sie bei Untersuchungen Visier und Maske?

Nein, ein Visier kann ich nicht tragen. Bei unseren endoskopischen Untersuchungen muss das Endoskop am Auge sein und das andere Ende in der Nase oder im Hals des Patienten. Deswegen habe ich schon sehr früh darauf gedrängt, dass HNO-Ärzte in eine hohe Impf-Priorisierung gehören.

Sind Sie und Ihr Team denn mittlerweile geimpft?

Ja. Das ging, als Astrazeneca im Februar auf den Markt kam, relativ zügig. Ich bin mittlerweile doppelt geimpft. Das hat für mich einiges entspannt. Unsere Mitarbeiter sind auch zumindest einmal geimpft. Da sind die Sorgen etwas weniger geworden.

Impfen Sie in Ihrer Praxis regelmäßig?

Ja, wir haben einen Impftag pro Woche. Das ist auf der einen Seite erfüllend, weil die Leute wirklich sehr dankbar sind. Auf der anderen Seite ist es für unser Personal schwierig, weil das Telefon heiß läuft und den Anrufern Priorisierungen völlig egal sind. Diese Impftätigkeit verlangt dem ganzen Team wirklich viel Einsatz ab. Wir erleben gerade eine tolle Teamleistung unserer Mitarbeiterinnen.

Nach welchen Kriterien impfen Sie?

Wir würden wirklich jeden Anrufer gerne impfen, aber wir haben natürlich Vorgaben durch die Priorisierungsgruppen. Zuerst wurden diejenigen unserer Patienten geimpft, von denen wir wussten, dass entsprechende Vorerkrankungen vorliegen. Tumorpatienten in laufender Behandlung haben wir zum Beispiel aktiv angerufen.

Also haben Sie gar keinen Spielraum?

Doch, wir können da etwas weicher als in den Regelwerken vorgeschrieben agieren. Für mich gibt es auch eine gewisse soziale Priorisierung. Nehmen Sie einen todkranken Patienten, für den noch nie ein Pflegegrad beantragt wurde, weil sein Versterben absehbar ist. Also fällt er auch nicht in die Priorisierung und ich darf einen Angehörigen, der ihn pflegt, eigentlich nicht impfen. Ich mache es aber trotzdem. In der Praxis profitieren die niedergelassenen Impfärzte also davon, dass sie ihre Patienten kennen. Das ist sehr schön, weil man den Leuten damit wirklich helfen kann. Ein Angehöriger soll nicht noch ständig Angst haben, sich zu infizieren und damit die zu pflegende Person zu gefährden.

Wie viele Patienten können Sie pro Termin in Ihrer Praxis impfen?

Das hängt davon ab, was wir kriegen. In der ersten Woche haben wir ganze zwölf Impfdosen zur Verfügung gestellt bekommen. Dafür lohnt im Grunde der Aufwand nicht. Wir sind jetzt bei 30 bis 36 Impflingen pro Impftag. Viel mehr geht auch organisatorisch nicht. Das müssten wir dann wieder samstags machen.

Wäre das denkbar?

Im Moment nicht. Der Biontech-Impfstoff wird immer montags geliefert und muss – einmal aufgetaut – bis spätestens zum folgenden Freitag verbraucht sein. Da bräuchten wir das Moderna-Vakzin, das sich sechs Wochen hält. Damit wären wir viel flexibler mit der Ansetzung von Tagen, an denen wir impfen.

Astrazeneca spielt zurzeit keine Rolle?

Im Moment nicht, es soll aber bald für die Praxis zu bekommen sein. Da müssten wir dann überlegen. Es gibt genug Menschen, die es möchten. Bei jüngeren Frauen, die von der extrem seltenen Komplikation der Hirnvenenthrombose deutlich höher betroffen sind, bin ich mit Astrazeneca sehr zurückhaltend. Das müsste auch erst haftungsrechtlich geklärt sein.

Wie schätzen Sie Astrazeneca grundsätzlich ein?

Ich fände es schade, auf einen wirklich guten Impfstoff komplett zu verzichten. Ich kann niemandem versprechen, dass keine Nebenwirkungen auftreten werden. Das gilt allerdings ganz genauso für Biontech. Ich habe in der ganzen Zeit im Impfzentrum und in der Praxis nicht eine schwerere Komplikation mitbekommen.

Was ist Komplikation, was ist normal?

Die klassischen Immunreaktionen können einfach auftreten. Es kann Ihnen durchaus einen oder zwei Tage nach der Impfung wirklich schlecht gehen. Ich sage den Leuten immer: „Sie sind dann nicht krank, das ist nur eine Immunantwort Ihres Körpers. Sie sind dann auch nicht ansteckend.“ Das ist ja auch bei jeder Grippe-Impfung so. Im letzten Jahr habe ich nach der Grippe-Impfung fast eine Woche flachgelegen.

Sie haben das Impfzentrum des Kreises in der Lüdenscheider Schützenhalle schon angesprochen. Seit wann sind Sie dabei?

Seit der zweiten Februarwoche. Ich habe mich erst relativ spät gemeldet, weil ich nicht wusste, ob ich es zeitlich schaffe, und habe dann quasi sofort Bescheid bekommen, dass ich anfangen könnte. Seitdem bin ich in der Schützenhalle einmal die Woche für jeweils sieben Stunden am Start.

Was genau machen Sie dort?

Wir Ärzte führen die Beratungsgespräche mit den Impflingen, klären auf, beantworten Fragen. Wenn’s in den Impfstraßen eng wird, dann impfen wir aber auch mit.

Sind diese Gespräche zeitintensiv?

Das ist sehr unterschiedlich. Mittlerweile kommt es aber immer häufiger vor, dass die Leute bereits sehr gut informiert sind und keinen so hohen Beratungsbedarf mehr haben.

Hat schon mal jemand nach der Beratung zurückgezogen – speziell bei Astrazeneca?

Nein, das habe ich noch nicht erlebt.

Wie empfinden Sie die Organisation in der Schützenhalle?

Das ist alles extrem gut organisiert. Was die Technik angeht: Wenn irgendwo ein Stau ist oder irgendetwas nicht ganz rund läuft, dann steht Herr Benscheidt schon da und sorgt zum Beispiel blitzschnell für andere Absperrungen oder andere Laufwege. Und der ärztliche Leiter Dr. Schmitz ist wirklich unfassbar bemüht, dass alles reibungslos läuft und kein Impfstoff weggeworfen werden muss.

Wie zeigt sich das?

Herr Schmitz geht, zum Beispiel bei der Vorverlegung des Impftermins für Grundschullehrer, auch unkonventionelle und pragmatische Wege. Da der Impfstoff bereits da war und es genug freie Termine gab, hat er von sich aus die Schulen angerufen und gesagt, dass es einige Tage früher losgehen kann. Das Ergebnis: sehr viele glückliche Lehrer.

Bekommen Sie weitere Reaktionen mit?

Ja, zum Beispiel von Kollegen, die auch in anderen Impfzentren in NRW arbeiten. Da hören wir immer wieder hohes Lob für das Lüdenscheider Impfzentrum und die gut organisierten Abläufe.

Im Impfzentrum bekommen Ärzte 150 Euro pro Stunde und medizinisches Fachpersonal 30 Euro. Ist das gerecht?

Nein, das ist sicher nicht gerecht. Gemessen an dem, was wir tun, und an der Verantwortung, die wir haben, ist da ganz sicher kein Faktor-5-Unterschied.

Was ist dann der Hintergrund dieser Bezahlung?

Sowohl Ärzte als auch das Fachpersonal bekommen ungefähr das Doppelte dessen, was sie sonst kriegen. Wenn ich mir einen Vertreter in meine Praxis hole, dann muss ich ihm 80 bis 90 Euro in der Stunde zahlen. Er hat dann aber keinerlei Praxiskosten zu zahlen. Das ist sein Reingewinn vor Steuer. Das sieht im Impfzentrum zumindest für die Kollegen mit eigenen Praxen anders aus. Deren Kosten laufen weiter, sie haben tatsächlich Ausfälle. Ich nehme an, da wollte die Politik durch die hohe Bezahlung Anreize schaffen.

Wie belastend ist die Arbeit?

Am Anfang ging es noch sehr ruhig zu. Heute aber bin ich, wenn ich dort sieben Stunden gearbeitet habe, körperlich platt und im Kopf ziemlich leer. Man hat wirklich durchgehend zu tun.

Was motiviert Sie zu dieser Zusatzarbeit?

Ich will einfach dazu beitragen, dass die Impfrate steigt. Denn nur so werden wir aus dem Dilemma herauskommen.

Zum Schluss ein Blick aufs große Ganze. Was läuft in Sachen Corona in der Politik gut und was schlecht?

Am Anfang habe ich vorbehaltlos hinter allem gestanden. Was mich heute wirklich stört, ist die Kommunikation. Den Leuten wird vieles nicht gut und nicht einleuchtend genug erklärt. Bessere Erklärungen würden auch für viel mehr Verständnis in der Bevölkerung sorgen.

Die Krankenhäuser können wegen der vielen Corona-Patienten keinen Normalbetrieb fahren, das sorgt für Verluste. Was ist zu tun?

Meine feste Überzeugung ist, dass ein Klinikbetrieb – und übrigens auch ein Altenheim – keine Gewinne erwirtschaften muss. Das Geld, das hereinkommt, sollte ausschließlich dafür verwendet werden und auch dafür ausreichen, die Patienten beziehungsweise Bewohner bestmöglich zu behandeln, zu versorgen und zu betreuen. Um Profit darf es dabei nicht gehen.

Ist der Lockdown konsequent genug?

Wir beschneiden – siehe Ausgangssperre – zurzeit Grundrechte, die in unserer sehr guten Verfassung festgelegt sind. Ich bin durchaus dazu bereit, da mitzugehen. Wenn in der Pandemie die Wirtschaft aber wichtiger ist als die Wissenschaft, dann steige ich aus. Mit einem harten Lockdown hätten wir sehr viel früher sehr viel mehr erreicht. Aber der hätte eben alle Bereiche des Lebens betreffen müssen und nicht die Wirtschaft einseitig schonen dürfen.

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