Ärzte kritisieren ständigen Rechtfertigungsdruck

Frank Killing (l.) und Dr. Werner Pötter vom Ärztenetz MK Süd kritisieren die Rahmenbedingungen für Hausärzte.

LÜDENSCHEID ▪ In ihren Funktionen als Vorsitzender (Killing) bzw. Schriftführer (Pötter) des Ärztenetzes MK Süd, in dem 85 Ärztinnen und Ärzte vertreten sind, fordern sie eine differenzierte Betrachtung. „In kleineren Gemeinden wie Neuenrade oder Herscheid wird es eng mit der Versorgung. Ärzte übernehmen notgedrungen fachärztliche Funktionen“, wissen sie.

Gleichzeitig greift nach wie vor die gesetzlich reglementierte Fallzahlbegrenzung. Die rigorose Budgetierung pro Patient honoriert es nicht, wenn ein Arzt über sein Budget hinaus Patienten behandelt, weil zum Beispiel ein Arzt in Rente gegangen ist und keinen Nachfolger gefunden hat. „Der Umsatz pro Quartal ist vorgegeben. Alles, was darüber hinausgeht, wird praktisch nicht honoriert.“

Eine Befreiung von der Budgetierung liege aber erst dann vor, wenn der Landesausschuss der Krankenkassen ein bestimmtes Gebiet für unterversorgt – weniger als 70 Prozent des Bedarfs – erkläre. Solche Beschlüsse lägen für den Bereich Westfalen-Lippe nicht vor und damit sei vorerst auch nicht zu rechnen.

Außerdem werde weiterhin das Versicherungsrisiko von den Krankenkassen auf die Ärzte abgewälzt, da die Krankenkassen pauschal für ärztliche Leistungen an die Kassenärztlichen Vereinigungen zahlen. „Leider wurden auch Regresse nicht abgeschafft, so dass wir weiter für Verordnungen haftbar gemacht werden können“, erklärt Dr. Pötter. „Wir stehen unter ständigem Rechtfertigungsdruck.“

Die Prüfstelle überwacht das Verordnungsvolumen der Ärzte. Das treffe Landärzte viel eher, weil sie bei ihren Patienten eine breitere medizinische Versorgung zur Verfügung stellen müssten. Doch wer „auffällig“ wird, muss seine Verordnungen genau nachweisen und wenn dies nicht überzeugend gelingt, entsprechende Beträge zurückzahlen. Die Ärzte werden in Regress genommen. „Bei neuen, zum Teil wirkungsvolleren Medikamenten müssen wir stets die Kosten beachten. Außerdem erfordern diese ständigen Überprüfungen einen immensen Verwaltungsaufwand“, ärgert sich Killing. „Wir ächzen unter der Bürokratielast.“

Beide kritisieren zudem, dass mit einer Grundvergütung von 36 Euro pro Quartal und Patient das Gebiet Westfalen-Lippe bundesweit das Schlusslicht bei der Honorierung bilde. Diese vernichtende Position nimmt Westfalen-Lippe auch bei der Hausarztdichte ein. „Und das, obwohl die Situation immer dramatischer wird“, betonen die beiden Hausärzte. 2010 kamen auf einen Hausarzt im Märkischen Kreis 1730 Einwohner. 53 Prozent der Ärzte waren zu dem Zeitpunkt älter als 50, 27,5 Prozent über 60. Nachwuchs sei wegen der schlechten Rahmenbedingungennicht in Sicht. Dabei gehöre zu einer funktionierendenund guten Infrastruktur einer Stadt auch und gerade die ärztliche Versorgung.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare