Vier Männer stranden auf einem Eiland im Kulturhausnebel

Abgestürzter Teamgeist

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Die Männer stranden im Kulturhaus.

Lüdenscheid - Im Grunde ist nach fünf Minuten klar, dass das Ganze kein gutes Ende nehmen wird.

Vier Männer, vier unterschiedliche Charaktere, eine einsame Insel und eine unaufhaltsame Reise in den psychischen Kannibalismus. Autor Tim Firth konstruierte mit seiner Inszenierung „Vier Männer im Nebel“ (Nevilles’ Island) eine Charakterstudie, die das Ensemble der Hamburger Kammerspiele auf die Bühne des Kulturhauses brachte.

Wer Inszenierungen der Hamburger Kammerspiele sieht, weiß, was auf ihn zurollt. In diesem Fall schwerer Stoff über den moralischen Untergang von vier Managern mittleren Alters, mittlerer Lohngruppen und mittleren Respekts füreinander. Von der Firma verordnetes Teamgeisttraining als Crew auf einem Segelboot lässt die Herren schon zum Auftakt scheitern. Falscher Kurs und das Schiff versenkt, stranden sie auf einer menschenleeren Insel unweit und doch unerreichbar von der nächsten Zivilisation. Dem Handy, Auto und Luxus beraubt sind sie auf sich und den verloren gegangenen Teamgeist gestellt.

Neville (Jens Wawrczek), Gordon (Stephan Benson), Angus (Roland Renner) und Roy (Peter Theiss) schleppen sich nach dem Untergang des Mietbootes klatschnass und mühsam auf die Landzunge, die im Kulturhaus adrett bepflanzt den Schauplatz bietet. Umständlich entkleiden sich die Herren bis ins Detail, ohne effekthaschende Ästhetik, aber dennoch sind die Lacher im Publikum garantiert. Wer fortan in welcher Ecke des Rings steht, offenbart sich bereits durch die trockene Kleidung: Angus hat in wasserdicht verpackten Beuteln die Survival-Ersatzkleidung bis hin zum Smoking dabei, Roy muss mit Schlabberklamotten Vorlieb nehmen, Gordon hat seinen Rucksack verloren und nichts außer sich selbst und seinen sarkastischen Bemerkungen. Zwischen Äpfelchen und Frühstückskaffee im Mittelklassehotel am Morgen wählt man Neville zum Skipper, der fortan um ständige Harmonie bemüht ist. So plätschern die ersten sechs Runden im Ring mal mehr, mal weniger amüsant, handlungsarm und wortreich dahin.

Nach der Pause ist endlich Schluss mit Komik und ein wenig mehr Tiefe angesagt. Scharfzüngig beginnt Gordon, den Rest der Notgemeinschaft zu filetieren. Mühsam aufrecht erhaltene Fassaden beginnen zu bröckeln und zeigen die menschliche und verletzliche Seite der Manager auf. Ausgerechnet der durchgeknallte Roy, der den Abgründen des Lebens durch aufgesetzte Religiosität zu entfliehen versucht, ist es am Ende, der fürs Überleben der Truppe sorgt.

Einen Abend lang Spaß hat man durchaus mit den vier Männern, von deren Eiland aus gute zwei Stunden lange Trockeneisnebel ins Publikum wabert. Insgesamt gesehen bieten allerdings gesellschaftliche Konflikte dieser Art mehr Zündstoff als eine komödiantische erste und eine dramatische zweite Hälfte. Weniger von dem einen und ein leiserer Schluss hätten gut getan, um länger als den Heimweg über die vier Männer im Nebel nachzudenken. - Jutta Rudewig

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