Abgeschoben und verurteilt

Lüdenscheid - Strafverteidiger Dirk Löber sagt: „Ich will hier keinen Wind machen.“ Das braucht er auch nicht. Es gibt nämlich nicht viel zu verteidigen. Und sein Mandant ist gerade mal 20 Jahre alt und hat schon reichlich stürmische Zeiten hinter sich. Dagegen klingt der aktuelle Tatvorwurf – unerlaubter Erwerb von ein paar Gramm „Gras“ – vergleichsweise harmlos.

Und er kann von Glück sagen, dass seine Vorstrafen aus der Schweiz in Deutschland nicht angerechnet werden. So bleibt es für den kleinen Drogenkauf bei einer Verurteilung zur Teilnahme an einem Drogenpräventionskursus und 20 Stunden Sozialdienst.

Als er 15 ist, siedeln die Eltern des hochaufgeschossenen jungen Mannes in die Schweiz um und nehmen ihren Sprössling mit. Er besucht die Hauptschule und schafft einen Abschluss. Viel mehr an positiver Lebensgestaltung klappt dann aber nicht mehr.

Schweizer Gerichte verurteilen den jungen Deutschen unter anderem wegen bewaffneten Raubes, Drogenvergehen, Strafvereitelung, Unfallflucht, Fahrens ohne Fahrerlaubnis oder Diebstahl. Zuletzt setzte es für den inzwischen 19-Jährigen zwei Jahre auf Bewährung und 800 Franken Geldstrafe – und Abschiebung nach Deutschland und das Verbot des Wiedereinreisens.

Ende März dieses Jahres versucht er es trotzdem. „Ich wollte noch einmal meine Eltern besuchen“, sagt der Angeklagte zu Strafrichter Peter Alte. Hätte er sich nicht so auffällig lange in der Toilette des Zuges eingeschlossen, der von Konstanz aus Richtung Alpenstaat rollte, wäre der eidgenössische Zoll vielleicht nicht wachgeworden. Doch sie holten ihn aus dem Klo und fanden zu allem Überfluss auch noch „ein paar Krümel Cannabis und einen angepafften Joint“ in der Hosentasche, wie Rechtsanwalt Löber formuliert.

Die ersten Versuche, in Lüdenscheid auf eigenen Beinen zu stehen, sind bislang gescheitert. Er verlor seinen Job bei einer Leihfirma und ist jetzt auf Hartz IV angewiesen. „Ich suche mir aber wieder Arbeit“, sagt er. Die Sozialarbeiterin des Jugendamtes attestiert dem jungen Mann Reifeverzögerungen und empfiehlt die Anwendung des Jugendstrafrechts.

Der Vater ist aus der Schweiz angereist und verfolgt den Prozess schweigend. Er darf zurück, sein Sohn muss hierbleiben.

Von Olaf Moos

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