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A45-Sperrung: So hat sich die am stärksten betroffene Umleitungsstrecke verändert

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Von: Leon Malte Cilsik

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Die Lennestraße jeweils am 1. Februar (links) und August.
Die Lennestraße jeweils am 1. Februar (links) und August. © Malte Cilsik

In einem Abstand von sechs Monaten haben wir Bestandsaufnahmen an der Lennestraße gemacht und anschließend das Gespräch mit den Betroffenen gesucht. Bei den Unternehmen sind die Ergebnisse wenig überraschend - der Frust sitzt tief - bei den Mietparteien hingegen schon.

Lüdenscheid – Die Lennestraße: Seit der A45-Sperrung ist die offizielle Umleitungsstrecke zum Symbol für das Leid der gesamten Region geworden. Eine Kombination aus Straßenlärm und Abgasen wurde zum dauerhaften Begleiter ansässiger Firmen und Bürger. Die derzeitige Situation belastet sie alle in einem nur schwer erträglichen Ausmaß – egal ob das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW nun Grenzwertüberschreitungen feststellt oder nicht.

Vor diesem Hintergrund haben die LN versucht, die Veränderungen entlang der nun so stark frequentierten Straße zu dokumentieren – mit teilweise überraschenden Ergebnissen. Während die Unternehmen verständlicherweise Zukunftsängste und in wachsendem Maße Umzugsgedanken beschäftigen, scheint die Lennestraße als Wohnort bei Privatpersonen noch immer gefragt zu sein.

Das Vorgehen: Im Abstand von sechs Monaten haben wir jeweils am 1. Februar und August die Zahl der Unternehmen und Parteien in den Wohnhäusern gezählt, die sich direkt an der Lennestraße befinden. Letztere anhand der Klingelschilder. Unser Fokus lag dabei auf dem Abschnitt zwischen den Kreuzungen zur Werdohler und Altenaer Straße. Anschließend haben wir das Gespräch mit den Betroffenen gesucht.

Die Ergebnisse

Die Ergebnisse: Gewerblich wird die Lennestraße maßgeblich geprägt von der Automobilbranche. Insgesamt sieben Betriebe widmeten sich Anfang Februar dort dem Verkauf oder Service rund ums Auto. Es folgten sechs Industrie- und Logistikbetriebe und fünf Liefer- und Fahrdienste. Zudem gab es drei Lebensmittel- und Einzelhändler und jeweils zwei Elektronikbetriebe, Friseure, Hotel- und Wohnungsanbieter und städtische Unternehmen. Jeweils mit einem Betrieb vertreten waren die Mode-, Bildungs- und Finanzbranche.

Bis zum August hat sich daran wenig verändert. Hinzu gekommen ist das Brückenbauerbüro an der Lennestraße 2 (wir berichteten mehrfach), dafür gibt die Gebrüder Schneider Fensterfabrik an dieser Adresse nun im Internet an, „vorübergehend geschlossen“ zu sein. Unter der hinterlegten Telefonnummer war auf Anfrage niemand zu erreichen. Zudem steht Manhattan Pan Pizza an der Lennestraße 78 inzwischen leer.

Volle Konzentration auf Mr. Pizza

Inhaber von letzterem war Raffaele Pastore, der nach wie vor das benachbarte Mr. Pizza führt. „Manhattan war ein Projekt von uns, für das wir in Lüdenscheid einfach keine Perspektive mehr sahen“, sagt Pastore – den Rest solle sich jeder selbst denken.

Mit voller Konzentration auf Mr. Pizza versuche er aktuell, das Beste aus der Situation zu machen: „Ändern wird sich ja eh nichts. Es gab doch schon unzählige Treffen, Krisengespräche und Berichte. Jeder weiß, wie sehr wir Anlieger leiden – die Lieferzeiten steigen exorbitant, gleichzeitig liegt die Abholung praktisch brach. Ziele wie Dickenberg und Freisenberg steuern wir schon gar nicht mehr an – es rechnet sich nicht.“

Mit seinem Unmut sei Pastore nicht alleine – er könne ad hoc sieben weitere Gastronomen aufzählen, die sich aufgrund des Verkehrschaos in der Bergstadt mit einem Umzug beschäftigten.

Fahrdienst sieht Handlungsbedarf

Auch Gespräche mit ansässigen Betrieben anderer Branchen zeigen, dass schon bald deutlich mehr Dynamik in das Gewerbe entlang der Lennestraße kommen könnte. „Es ist die reinste Katastrophe. Egal wie heiß und stickig es ist, ich kann wegen des Lärms die Fenster nicht öffnen“, sagt Ozan Akca, der für die Disposition beim Krankenfahrdienst MediTax zuständig ist und dafür regelmäßig mit Patienten und dem Klinikum telefonieren muss.

Und das ist derzeit natürlich nicht das Hauptproblem für einen Fahrdienst an der Lennestraße: „Die Lkw versperren fast durchgängig unsere Einfahrt. Unter zehn Minuten Wartezeit kommen wir nie raus.“ Und das für lebenswichtige Termine wie Dialysen oder Chemotherapien.

Wünschen würde Akca sich eine geregelte Freihaltung der Einfahrt zur Lennestraße 3. „Das hat die Stadt mit Verweis auf eine zweite Ausfahrt hinter dem Haus abgelehnt. Aber die können wir nur selten nutzen – in der Regel wird diese von Volvo-Lieferungen zugeparkt.“ Denn der Autopark befindet sich nebenan und hat aktuell wohl auch keine Alternative.

Das hat die Stadt bisher verändert

Auf Anfrage hat die Stadt eine Übersicht der Maßnahmen erstellt, die seit Dezember an der Lennestraße und einmündenden Straßen angeordnet wurden. Die Beschilderungsmaßnahmen: Lkw-Durchfahrtsverbote (ausgenommen Lieferverkehr) für insgesamt sieben Straßen, Spurlenkungstafeln zur Verdeutlichung der Spuraufteilung, Ergänzung der Umleitungsbeschilderung der Autobahn. Zusätzlich wurden die Einsatzzeiten und Leistungsfähigkeit der Ampeln direkt nach der Sperrung, im Dezember und zuletzt im Juni angepasst.

Die Situation habe MediTax bereits zum Handeln gezwungen: „Wir brauchen neuerdings drei Mitarbeiter und Fahrzeuge mehr, um nicht zu viele unserer Fahrten ausfallen lassen zu müssen. Denn selbst so – mit höheren Personal und Spritkosten – konnten wir unser altes Auftragsvolumen nicht halten.“

Ein Umstand, der Akca nachdenklich stimmt: „Eine Standortverlegung innerhalb Lüdenscheids macht für uns wenig Sinn. Dem Verkehrschaos können wir so nicht entkommen. Wenn dann in eine andere Stadt – und das wäre mit hohen Kosten und Risiken verbunden. Wer weiß, ob wir dort die Aufträge bekommen.“ Doch durch die anhaltende Verkehrsproblematik sei dies mittlerweile eine realistische Option geworden.

Anfang Dezember dachte ich noch, dieses Chaos hält niemand länger als zwei Wochen aus – die Mieter ergreifen scharenweise die Flucht. Doch dem war nicht so.

Klaus Sandmann, Vermieter an der Lennestraße

Auch in der Automobilbranche sondiert man die Optionen, wie Gespräche mit Vittorio Leanza und Uwe Brauckner zeigen. Beide besitzen ihre eigene Werkstatt an der Umleitungsstrecke. „Ich schaue schon nicht mehr auf die Zahlen – aus Angst vor einer bösen Überraschung“, sagt Brauckner. Denn gut, da ist sich der Kfz-Meister sicher, fallen die aktuell nicht aus. „Die Kunden müssen nun einmal mit dem Auto herkommen. Und das möchte sich niemand zumuten.“

Leanza hingegen hat seinen Umsatz genauer im Blick: „Minus 50 Prozent seit der Brückensperrung“, lautet sein nüchternes Fazit. Und ebenso nüchtern fällt seine Schlussfolgerung aus: „Wenn sich nichts ändert, macht es keinen Sinn hier zu bleiben.“ Doch was soll sich ändern? Leanza weiß es nicht. Auch für Brauckner ist klar: „An der Lennestraße hält mich nichts mehr. Wenn ich einen passenden anderen Standort finde, bin ich weg.“ Innerhalb Lüdenscheids könnte dies jedoch schwierig werden, gibt er zu.

Überraschung bei den Mietparteien

Bei den Parteien in den Wohnhäusern ergab unsere Zählung hingegen ein für viele wohl überraschendes Ergebnis: Es sind mehr geworden. Bei insgesamt 164 gezählten Parteien gab es im August fünf Leerstände weniger als noch im Februar, insgesamt waren es 18.

Klaus Sandmann kann dieses Ergebnis aus seiner Wahrnehmung heraus bestätigen. Der Lüdenscheider vermietet 18 Wohnungen an der Lennestraße. „Anfang Dezember dachte ich noch, dieses Chaos hält niemand länger als zwei Wochen aus – die Mieter ergreifen scharenweise die Flucht. Doch dem war nicht so.“ Im Gegenteil: „Ich hatte zum 1. Juli und August insgesamt vier Mietparteienwechsel. Die Wohnungen waren stets vergeben, bevor sie frei wurden.“

Nicht einmal Anzeigen musste Sandmann schalten: „Sobald auch nur das Gerücht auf eine frei werdende Wohnung in Umlauf kam, stand mein Telefon nicht mehr still.“ Wirklich erklären kann sich Sandmann dies auch nicht – jedoch versuche er sich bestmöglich für seine Mieter einzusetzen, zum Beispiel durch den Einbau von Lärmschutzfenstern. Dabei scheut er sich auch nicht vor einem Rechtsstreit, zu welchem es nun mit einer Berliner Baufirma kommen könnte. Diese hinterließ die Lärmschutzfenster unfertig (wir berichteten).

Dabei ist es Sandmann wichtig zu betonen: „Auch wenn die Arbeiten an der Außenfassade noch nicht abgeschlossen sind, so gilt dies nicht für den Innenbereich. Die Fenster sind eingebunden und verleistet.“ Und seien damit wirksam. Zudem lägen die meisten Schlafräume ohnehin auf der straßenabgewandten Seite. Natürlich möchte der Vermieter damit aber nichts beschönigen: „Die Situation ist eine fürchterliche Zumutung. Das Mindeste wäre eine Verkehrsberuhigung für die Nacht.“

Anmerkung

Wir sind uns bewusst, dass unser Vorgehen keinen wissenschaftlichen Standards entspricht und erheben damit keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Repräsentativität. Die Perspektiven der Betroffenen stehen im Fokus unserer Berichterstattung. Sind Sie Anwohner der Lennestraße und wollen uns Ihre Geschichte erzählen? Dann melden Sie sich unter ln@mzv.net oder der Telefonnummer 02 35 1 / 158 289.

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