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A45-Sperrung: Wann erwacht die Haselmaus aus dem Winterschlaf?

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Von: Jan Schmitz

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Wann können die Erdarbeiten an der maroden A45-Talbrücke Rahmede bei Lüdenscheid beginnen? Wenn die Haselmaus wach ist, sagt die Autobahn GmbH. Wann aber ist das?

Lüdenscheid – Der Boden unter der maroden Talbrücke Rahmede ist noch tabu. Kein Bagger darf dort fahren, kein Loch ins Gestein gebohrt werden, ehe nicht die streng geschützte Haselmaus aus dem Winterschlaf erwacht ist. So zumindest kommunizierte es die Autobahn GmbH als Vorhabenträger und hatte als Termin „Ende April/Anfang Mai“ angegeben. Dann könnten die Erdarbeiten für die Kampfmittelsondierung und die Baugrunduntersuchung beginnen.

AutobahnA45
Länge257 km
BundesländerNordrhein-Westfalen; Hessen; Bayern

Nun ist diese Zeitangabe recht unkonkret, wenn bei der beabsichtigten Verfahrensbeschleunigung angesichts von täglichen wirtschaftlichen Schäden in der Region in Höhe von 1 Million Euro jeder Tag zählt. Eine Anfrage bei der Autobahn Westfalen am 20. April dazu, wann der Winterschlaf der Haselmaus endet und wie man das feststellt, blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

A45-Sperrung: Wann erwacht die Haselmaus aus dem Winterschlaf?

Erst eine Recherche beim Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) brachte schließlich die gewünschten Antworten. Nach Auskunft von Dr. Matthias Kaiser, Leiter des Fachbereichs Artenschutz und Vogelschutzwarte, ist das Ende des Haselmaus-Winterschlafs an keiner Stelle verbindlich festgelegt. In der Praxis orientieren sich die Vorhabenträger zum Beispiel im Straßenbau aber an der „Aktivitätsphase der Haselmaus“.

Wie berichtet, hält der kleine Nager seinen Winterschlaf in Nestern am und im Boden, wo jede Erschütterung zum Tode führen kann. Mit den wärmeren Temperaturen wachen die Tiere auf und legen Sommernester zum Beispiel in Bäumen und Sträuchern oder aber Nisthilfen an. Deshalb werden derzeit die in der Umgebung der Talbrücke Rahmede aufgehängten Kobel auf Haselmäuse kontrolliert. Denn: Sobald ein aktives Tier in dem Haselmaus-Habitat nachgewiesen wird, gilt der Winterschlaf für den gesamten Bestand als beendet. Bislang gab es offenbar aber noch keinen Fund.

Hilfsweise hat sich aus langjähriger Praxis der Naturschützer und Planer der 5. Mai als Datum etabliert, an dem die Haselmaus mit Sicherheit nicht mehr schläft und daher die Erdarbeiten aufgenommen werden könnten.

Die Haselmaus ist das Wildtier des Jahres
Die Haselmaus bekommt man nur selten zu Gesicht. Nun reicht ein Nachweis, um den Bereich unter der Brücke für Erdarbeiten freizugeben. © Walter Tilgner

Grund für die Vorsicht sind die in § 44 des Bundesnaturschutzgesetzes festgelegten Tötungs- und Störungsverbote für streng geschützte Arten, zu der auch die Haselmaus gehört. „Die Überlegung der Autobahn GmbH ist: Wenn wir vor der Aktivitätsphase der Haselmaus mit den Erdarbeiten beginnen, besteht die Gefahr, dass wir in ein artenschutzrechtliches Verbot geraten. Da haben alle Vorhabenträger Angst vor“, sagt Experte Matthias Kaiser. Ein Verstoß gegen § 44 Bundesnaturschutzgesetz kann eine Ordnungswidrigkeit oder eine Straftat sein. Bußgelder von 100 bis 10.000 Euro können dabei verhängt werden. Viel schwerer wiegt für die Vorhabenträger aber ein möglicher Baustopp infolge des Verstoßes und der folgenden juristischen Auseinandersetzung.

Das Tötungsverbot gilt dabei nicht vollumfänglich. Wäre dem so, müssten zum Beispiel alle Autobahnen gesperrt werden, da auch der Mäusebussard eine geschützte Art ist und dort immer wieder angefahren wird. Maßgeblich ist für die Naturschützer, die Aufsichts- und Strafverfolgungsbehörden vielmehr die in Kauf genommene „signifikante Erhöhung des Tötungsrisikos“.

Wenn die Haselmaus im Boden überwintert und schwere Bagger in dem Bereich fahren wie unter der Talbrücke Rahmede am 24. März, ist demnach das Tötungsrisiko signifikant erhöht. Alle Vorhabenträger sind in der Folge extrem vorsichtig, sobald geschützte Arten wie die Haselmaus festgestellt werden. Das Ende des Winterschlafs der Haselmaus abzuwarten, „ist daher das Beste, was man tun kann, um den Bau der Talbrücke Rahmede zu beschleunigen“, sagt Fachbereichsleiter Kaiser, der auch selbst mit der A45-Talbrücke in Lüdenscheid befasst ist.

Sobald der Nager wach ist, könne er „aktiv ausweichen“. Die Haselmaus sucht demnach – so die Logik – selbst das Weite. Dann haben die Planer der Autobahn GmbH mehrere Monate Zeit, den Tieren neue Nisthilfen in der Umgebung anzubieten und damit ein standortnahes neues Quartier als Ersatzmaßnahme zu schaffen.

Gelingt dies, gibt es während des Winterschlafs der Haselmaus ab dem kommenden Oktober/November keine Einschränkungen mehr unter Brücke. Das ist das Ziel, denn dann soll dort bereits das Schotter-Bett für die Sprengung aufgeschüttet sein. Ein Bett übrigens, das sich für keinen Winterschlaf eignet – erst recht nicht, wenn dort wie geplant noch in diesem Jahr hunderttausende Tonnen Beton und Stahl in die Tiefe stürzen.

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