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Haselmaus an der Talbrücke Rahmede - und es gibt sie doch...

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Von: Jan Schmitz

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Wegen der Haselmaus mussten die Erdarbeiten unter der Talbrücke Rahmede gestoppt werden. Als Nachweis des Vorkommens diente laut Autobahn GmbH ein (!) gefundenes Nest. Neue Recherchen zeigen, dass es mehr waren.

Lüdenscheid – Wegen des Winterschlafs der Haselmaus sind unter der maroden Talbrücke Rahmede keine Erdarbeiten erlaubt. Eine Raupe und ein Bagger, die am 24. März in dem Bereich vorschnell mit den Arbeiten begonnen hatten, wurden durch die Autobahn Westfalen nach wenigen Stunden gestoppt.

AutobahnA45
Länge257 km
BundesländerNordrhein-Westfalen; Hessen; Bayern

Auf die Frage, welche Nachweise der Haselmaus unter der Brücke vorliegen, erklärte die Autobahn Westfalen als Vorhabenträger am 24. März: „Im Rahmen der Kartierung war an einem Brückenwiderlager ein Nest einer Haselmaus gefunden worden. In weiteren Kobeln, die bei einer Kartierung aufgehängt werden, um den Bestand zu ermitteln, hatten sich aber keine Mäuse gefunden.“ Das Bild von der Phantom-Maus, die noch nie jemand gesehen hatte, war geboren.

Unsere Zeitung wollte es genauer wissen und forderte von der Autobahn Westfalen das damals entstandene artenschutzrechtliche Gutachten an, beziehungsweise den Passus über die Haselmaus. In dem vom Ingenieurbüro Cochet Consult (Bonn) im Jahr 2017 erstellten artenschutzrechtlichen Fachbeitrag heißt es zur Haselmaus-Untersuchung an der Talbrücke Rahmede wörtlich: „Der Untersuchungsraum befindet sich in einem der Verbreitungsschwerpunkte der Haselmaus in NRW. Auf Grundlage der Untersuchungsergebnisse ist davon auszugehen, dass die an die A45 angrenzenden Gehölzbestände zum großen Teil eine Eignung als Lebensraum für die Haselmaus haben und aktuell auch von der Art besiedelt sind. Dies gilt in besonderem Maße für Wälder mit ausgeprägter Vertikalstruktur sowie für die zumeist ebenfalls von Gehölzen dominierte Autobahnbegleitvegetation.“

Nach der ersten Kartierung wurden Dutzende Nisthilfen östlich und westlich der Talbrücke im Gelände verteilt, um im darauffolgenden Sommer den Haselmausbestand zu ermitteln. Doch anders als von der Autobahn GmbH am 24. März kommuniziert („hatten sich keine Mäuse gefunden“) wurden dabei laut den unserer Zeitung vorliegenden Auszügen aus dem Gutachten von 2017 sehr wohl Haselmäuse entdeckt.

„Die meisten Haselmausnachweise gelangen im Umfeld des südlichen Widerlagers der Talbrücke Rahmede. Hier wurden östlich der Brücke in 14 der 26 ausgebrachten Nisthilfen Haselmausnachweise erbracht. In vier der Nisthilfen gelangen sogar Reproduktionsnachweise“, heißt es da. Unter einem Reproduktionsnachweis verstehen die Experten den konkreten Fund von Jungtieren beziehungsweise von Mäusen, die Milch produzieren.

Doch das war noch nicht alles. Auch in der westlich der Brücke befindlichen Probefläche (also in Richtung Lüdenscheider Innenstadt) wurden in vier Nisthilfen „Tiere und/oder ihre Nester“ entdeckt. In einer der Nisthilfen wurden zudem „Jungtiere nachgewiesen“, so steht es im Gutachten.

Wie aber lassen sich die unterschiedlichen Aussagen der Autobahn Westfalen vom 24. März und 5. April zum nachgewiesenen Haselmaus-Bestand erklären? Auf erneute Nachfrage dazu teilt Autobahn-Sprecherin Susanne Schlenga mit : „Die erste Zahl (Antwort vom 24. März, Anmerkung der Redaktion) bezog sich auf die Fläche unter der Brücke im nördlichen Bereich, wo die verfrühten Erdarbeiten stattgefunden haben. Die konkreten Nachweise liegen im Umfeld der Brücke.“

Haselmaus
Die Haselmaus wurde im Umfeld der Talbrücke gefunden. © Sven Büchner/nabu(dpa

Mit anderen Worten: Unter der Brücke selbst wurden keine Haselmaus-Nachweise gefunden, wohl aber rechts und links davon (zumindest am Südhang des Rahmedetals). Für die artenschutzrechtliche Bewertung macht dies allerdings keinen Unterschied. „Diese Nachweise und die Eignung der Fläche unter der Brücke als Haselmaushabitat führen dazu, dass das gesamte Gebiet als Haselmaushabitat eingestuft wird“, sagt Schlenga. Bei der Planung müsse immer vom „Best-Case“-Szenario ausgegangen werden. Wurden also Tiere nachgewiesen und es gibt ein geeignetes Habitat, seien „generell alle Flächen auch so zu behandeln.“

Die Art selbst gilt in Deutschland in ihrem Bestand übrigens als ungefährdet. Sie ist allerdings als eine von 138 Arten im Anhang IV der FFH-Richtlinie aufgeführt und damit streng geschützt. Eingriffe ins Haselmaus-Habitat müssen ausgeglichen werden. An der Talbrücke Rahmede steht auch schon fest, wie. Im Umfeld der Brücke werden mehrere Haselmaus-Kobel installiert. Sobald der Nager Ende April oder Anfang Mai aus dem Winterschlaf aufwacht, sollen die Nisthilfen hängen. Ein Haselmauszaun wie an der Talbrücke Rinsdorf ist im Rahmedetal nicht notwendig.

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