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A45-Sperrung: Mehr Kündigungen am Klinikum - Engpass droht

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Von: Jan Schmitz

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Jetzt wird die A45-Sperrung gefährlich. Auf Anfrage teilen die Märkischen Kliniken mit, dass immer mehr Personal mit Verweis auf die Verkehrssituation kündigt. Es drohen Versorgungsengpässe.

Lüdenscheid – Der größte Arbeitgeber im Gesundheitswesen im Märkischen Kreis – die Märkische Gesundheitsholding – leidet seit Jahren unter dem Fachkräftemangel. Seit der Sperrung der A45 hat sich die Lage aber noch einmal drastisch verschärft – mit unmittelbaren Folgen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und mittelfristig auch für die Gesundheitsversorgung einer ganzen Region.

AutobahnA45
Länge257 km
BundesländerNordrhein-Westfalen; Hessen; Bayern

Besonders betroffen ist das Klinikum Lüdenscheid als einziges Krankenhaus mit Maximalversorgung im Märkischen Kreis. In unmissverständlicher Deutlichkeit weist Dr. Thorsten Kehe, Vorsitzender der Geschäftsführung der Märkischen Kliniken, auf Anfrage unserer Zeitung auf die Belastung für die Beschäftigten „durch die aktuelle Verkehrssituation in Folge der anhaltenden Brückensperrung auf der A45“ hin. In der Folge komme es vermehrt zu Kündigungen von Mitarbeitern, die außerhalb von Lüdenscheid wohnen. Mehr als acht Monate nach der Sperrung ist es zudem zunehmend schwierig freiwerdende Stellen wieder zu besetzen.

Klinikum in der Sonne
Das Klinikum Lüdenscheid © Cedric Nougrigat

Die A45-Sperrung belastet die Märkischen Kliniken mit ihren mehr als 2 000 Mitarbeitern enorm, wie Geschäftsführer Kehe ausführt: „Für viele unserer Beschäftigten bedeutet dies deutlich längere Arbeitswege von nicht selten unter drei Stunden, oftmals auch im Stau, zusätzlich zu einem anspruchsvollen Arbeitsalltag. In vielen Fällen, wie zum Beispiel in der Patientenversorgung, ist es nicht möglich vom Homeoffice aus zu arbeiten.“

Man beobachte mit Sorge, „dass immer mehr Kolleginnen und Kollegen dadurch an ihre Belastungsgrenze kommen, krankheitsbedingt ausfallen oder gleich ganz die Reißleine ziehen und kündigen. So ist die Anzahl der Kündigungen höher, als in normalen Jahren vor der Sperrung“, berichtet der Vorsitzender der Geschäftsführung. Genaue Zahlen nennt das Krankenhaus nicht.

Die Märkischen Kliniken stellen aber etwa 20 Prozent mehr Fluktuation fest, „in denen die Brückensperrung und die damit einhergehenden Belastungen auch als Kündigungsgrund angegeben wurde“. Und Ersatz ist schwer zu bekommen. Kehe: „Selbst freiberufliche Honorarkräfte sagen ab, mit dem Hinweis auf die Verkehrsprobleme.“ „Dies verschärft die Personallage, welche durch die Covid-19-Pandemie und den Fachkräftemangel ohnehin sehr angespannt ist. Setzt sich die Entwicklung fort, steht zu befürchten, dass es in Einzelfällen zu Versorgungsengpässen führen kann aufgrund des fehlenden Personals“, sagt Geschäftsführer Kehe.

Es ist ein Hilferuf, der bis Düsseldorf und Berlin zu hören ist. Denn was der Geschäftsführer des größten Krankenhauses in der Region hier sagt, bedeutet nichts anderes als dass ohne adäquate Gegenmaßnahmen die Versorgung der Bevölkerung in Lüdenscheid nicht mehr sichergestellt werden könnte - in Einzelfällen. Die Folgen der Brückensperrung hätten aber so erstmals direkte Konsequenzen für die Gesundheitsversorgung der Menschen in Lüdenscheid und in Teilen des Märkischen Kreises.

Auf die Frage „Was braucht es für die Märkischen Kliniken, um die Situation zu verbessern?“ sieht Geschäftsführer Dr. Thorsten Kehe nur eine Lösung: „Um wirksame Abhilfen zu schaffen, braucht es vor allem einen raschen Bau der Autobahntalbrücke sowie eine belastbare Zeitschiene für die Sanierungsarbeiten.“

Ursprünglich hatte unsere Zeitung zu den Folgen der einrichtungsbezogenen Impfpflicht für die Märkische Gesundheitsholding, zu der neben den Märkischen Kliniken mehrere Tochtergesellschaften gehören, recherchiert. Doch dabei kam heraus, dass Kündigungen wegen der Impfpflicht nur eine absolut untergeordnete Rolle spielen im Vergleich zu den Kündigungen mit Verweis auf die Auswirkungen durch die Brückensperrung.

Absolute Zahlen, wie viele der Mitarbeiter ungeimpft sind, veröffentlicht die Märkische Gesundheitsholding nicht. Mit einer Impfquote von 90 Prozent lägen die Beschäftigten aber deutlich über der Impfquote der Gesamtbevölkerung von 76,2 Prozent, heißt es aus Hellersen. „Das verdeutlicht: Die Mitarbeitenden sind sich ihrer Verantwortung sehr bewusst. Sie schützen nicht nur sich selbst und ihre Angehörigen, sondern auch all diejenigen, um die sie sich täglich kümmern“, sagt Kehe, der auf neue Herausforderungen bei der einrichtungsbezogenen Impfpflicht verweist.

Dabei droht durch eine Änderung der Definition ein sprunghafter Anstieg bei der Zahl der „Ungeimpften“: „Ab 1. Oktober ändert sich die Definition, wer als vollständig geimpft gilt, mit weitreichenden Auswirkungen auf die einrichtungsbezogene Impfpflicht. Ab dann gelten nur noch Nachweise über drei Impfungen oder zwei Impfungen und eine Genesung als vollständiger Impfschutz. Derzeit sind nur zwei Nachweise – anstatt drei Nachweisen – nötig“, berichtet Geschäftsführer Kehe.

Aus diesen Gründen sei eine Anpassung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht wünschenswert und hilfreich. Damit könnten zusätzliche Bürokratie verhindert und weitere Risiken für die Patientenversorgung in der ohnehin angespannten Gesamtsituation vermieden werden. Schon jetzt kämpften die Einrichtungen mit dem Fachkräftemangel. Kehe berichtet von aktuellen Studien, die zeigten, dass es im Bundesdurchschnitt zwischen acht und zwölf Monate dauert, bis eine Fachkraftstelle zum Beispiel in der Pflege oder in der Verwaltung besetzt werden kann. Die Folgen der Sperrung einer Lebensader wie in Lüdenscheid sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.

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