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Talbrücke: Baustopp wegen Haselmaus-Schlaf - Geschädigte der A45-Sperrung sauer

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Von: Jan Schmitz

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Die Bauarbeiten an der Talbrücke Rahmede begannen am Donnerstag, 24. März, und wurden nur wenige Stunden später wieder gestoppt - wegen der Haselmaus.

Update 25. März, 18.03 Uhr: Während die Erdarbeiten gestoppt werden, weil die (wohl) nicht vorhandene Haselmaus aus dem Winterschlaf noch nicht erwacht ist, erreichten die Redaktion am Freitag die Anrufe mehrerer Umleitungsanlieger, die ob des Lkw-Verkehrs mit ihren Nerven am Ende sind, nachts nicht schlafen können, die umziehen wollen, die teilweise vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Jeder Monat, den die Brücke schneller steht, ist für sie ein Gewinn. Warten auf eine Phantom-Haselmaus ist für sie eine unerträgliche Vorstellung - die jetzt allerdings Realität ist.

Der heimische CDU-Bundestagsabgeordnete Florian Müller brachte es auf den Punkt: „Der Baustopp wegen des Winterschlafs der Haselmaus, die dort bislang nicht einmal physisch gesichtet wurde, ist unzumutbar. Er offenbart die immer größer werdende Schieflage zwischen der Abwägung von Interessen der Bevölkerung und einzelner, vermeintlich existierender, schützenswerter Tiere.“ Müller forderte mit Blick auf die besondere Situation der A45-Brücke dringend, die Rechtsgrundlagen anzupassen, „um eine realitätsnahe Anwendung des Natur- und Artenschutzes zu ermöglichen.“ Der aktuelle Fall der Haselmaus zeige, dass „wir uns eine Diskussion leisten, die eine zunehmende Wohlstandsübersättigung vermittelt“.

Update 25. März, 14.23 Uhr: Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur betonte eine Sprecherin der Westfalen-Niederlassung, die Baufirma habe aus einem Missverständnis heraus am Donnerstag in dem Hang begonnen. Es sei aber nur eine einzige Spur von rund 50 Metern in den Hang gezogen worden, dann seien die Arbeiten gestoppt worden. Für die Gesamtplanung des Großprojektes gebe es dadurch keinerlei Verzögerung. Man sei stets davon ausgegangen, an der Stelle erst Ende April oder Anfang Mai loszulegen.

Update 25. März, 11.48 Uhr: Angesichts der Verzögerung durch den Winterschlaf der Haselmaus bei gleichzeitigem Verkehrschaos in Lüdenscheid stellt sich die Frage, ob – und wenn ja, wie viele – Haselmäuse eigentlich an der Brücke leben. Auf Nachfrage räumt die Autobahn Westfalen allerdings ein, dass noch kein lebendes oder totes Tier an der Talbrücke entdeckt worden ist.

Als einziger Nachweis im Bereich der Talbrücke Rahmede gilt ein im Rahmen einer Kartierung 2016 gefundenes Nest einer Haselmaus an einem Brückenwiderlager. In weiteren Kobeln, die bei einer Kartierung aufgehängt werden, um den Bestand zu ermitteln, hatten sich im Anschluss aber keine Mäuse mehr gefunden – bis heute.

Gleichwohl müsse die Haselmaus in den Planungen und umweltrechtlichen Belangen berücksichtigt werden, heißt es. „Wir gehen davon aus, dass auf der Fläche keine große Population existiert“, sagt Simon Söhnchen, Landespfleger der Autobahn Westfalen. Es sei aber ein „typischer Lebensraum für diese Tiere.“ Daher dürfen die schweren Maschinen bis zum Ende des Winterschlafs im Hang keine Erdarbeiten durchführen.

Talbrücke Rahmede: Baustopp wegen Haselmaus - nach nur wenigen Stunden

Update 24. März, 18.23 Uhr: Die Autobahn Westfalen bestätigt, dass der Firma die Fortsetzung bestimmter Bauarbeiten unterhalb der Brücke am Donnerstagmittag untersagt haben. Dabei ging es um den Einsatz einer Raupe im Hang, die Oberboden bewegt hat.   „Für den Bau der Talbrücke Rahmede gehen alle hoch motiviert ans Werk“, erklärt Dirk Stiepert, Leiter der Außenstelle Hagen. „Hier ist man aber tatsächlich zu schnell gewesen.“

Diese Arbeiten wurden sofort gestoppt, weil sie die geschützte Haselmaus stören kann. „Im Hang selbst darf derzeit noch nicht gearbeitet werden, da die Fläche unter der Brücke Lebensraum der geschützten Haselmaus ist. Die Tiere befinden sich bis Ende April/Anfang Mai im Winterschlaf“, heißt es von der Autobahn GmbH. Erst danach dürfen im Hang unter der Brücke Bodenbewegungen ausgeführt werden.

Update 24. März, 13.37 Uhr: Am Donnerstagmorgen begann die beauftragte Firma mit Erdarbeiten unter der Talbrücke Rahmede. Alles deutete darauf hin, dass die Genehmigung der Naturschutzbehörde vorlag. Mit schwerem Gerät wurde der Baugrund für den Neubau bearbeitet, unter anderem wurde mit einem Bagger Fels abgeschlagen, ein Raupenbagger kletterte den Hang hinauf und schob dort Boden zusammen. Erste Baucontainer wurden aufgestellt. Die Tätigkeit der Maschinen und Arbeiten war im Rahmedetal weithin zu hören. Für die Anwohnerinnen und Anwohner ein Zeichen, dass es endlich losgeht.

Am Mittag war es wieder ganz still unter der Talbrücke. Nach Informationen unserer Zeitung wurde die Baufirma von der Autobahn Westfalen aufgefordert, die Arbeiten im Gelände unverzüglich einzustellen - nach nur wenigen Stunden. Grund soll der noch nicht offiziell beendete Winterschlaf der Haselmaus sein, den die Baufirma offenbar nicht abgewartet hat. Ob eine Genehmigung der Naturschutzbehörde vorlag? Unklar.

Am Morgen begannen die Erdarbeiten unter der Talbrücke, am Mittag wurden sie gestoppt.
Am Morgen begannen die Erdarbeiten unter der Talbrücke, am Mittag wurden sie gestoppt. © Cornelius Popovici

Eine Bestätigung für die Vorgänge unter der gesperrten Talbrücke gibt es noch nicht. Wir berichten weiter.

Erstmeldung 24. März, 7.20 Uhr: An der einsturzgefährdeten Talbrücke Rahmede tut sich etwas. Zwischen den Pfeilern ist ein Vermesserteam unterwegs und nimmt Maß für den Neubau der Brücke und für die Vorbereitung der Sprengung im Herbst. Ein Bagger mit angehobener Schaufel symbolisiert Geschäftigkeit, doch das steile Gelände ist von der Naturschutzbehörde noch nicht freigegeben. Der Grund: Die an der Brücke vermuteten Haselmäuse sind noch nicht aus dem Winterschlaf erwacht.

Rettungsprogramm für Haselmäuse
Haselmaus - geschützte Art. © Carsten Rehder/dpa

Die Tiere sind streng geschützt. Um ihnen ihr etwas entferntes neues Habitat schmackhaft zu machen, wurden im Umfeld der Brücke zuletzt Haselmaus-Kobel aufgehängt, wie Susanne Schlenga von der Autobahn Westfalen berichtet. Das ist eine der Maßnahmen, die in Abstimmung mit den Naturschutzbehörden und ehrenamtlichen Naturschützern umgesetzt wird, um den durch den Brücken-Neubau erforderlichen Eingriff in die Umwelt auszugleichen. Auch eine Nisthilfe für die geschützten Wanderfalken, die ihr Nest an der Talbrücke hatten, wurde ganz in der Nähe schon installiert.

Ein Bagger unter der Brücke hat schon etwas Erde bewegt. Das Unternehmen bereitet die Baugrunduntersuchung vor.
Ein Bagger unter der Brücke hat schon etwas Erde bewegt. Das Unternehmen bereitet die Baugrunduntersuchung vor. © Cornelius Popovici

Der weitaus größte Aufwand wird von der Autobahn GmbH derzeit allerdings für die Umsiedlung der Fledermäuse betrieben. Wie auf Anfrage unserer Zeitung herauskam, hatten nicht nur eine Handvoll Exemplare der Zweifarbfledermaus ihr Winterquartier in einem der Brückenpfeiler. Die Kartierung ergab hochgerechnet einen Fledermausbesatz von mehr als 1.000 Tieren unterschiedlicher Arten rund um die Brücke. Laut Autobahn Westfalen liegen hier Nachweise von 1.148 Zwergfledermäusen, 52 Braunen Langohren, 50 Großen Abendseglern sowie von mehreren Zweifarbfledermäusen vor, denen nun eine neue Bleibe angeboten werden muss.

Wie Susanne Schlenga betonte, haben die Vorbereitungen dafür schon begonnen. So wurden bereits alte Bergbaustollen in der Umgebung der Brücke geöffnet, um die Höhlenbewohner anzulocken. Geplant sind unweit des Baufelds für die neue Brücke zudem sieben Fledermaustürmchen, zwei größere Fledermaustürme als Pfeilerersatz sowie 40 Winter- und 40 Sommerquartierkästen. Die Standorte werden geheim gehalten, damit die geschützten Tiere beim Umzug nicht gestört werden.

Die Fledermaus-Schutzmaßnahmen werden durch ein Monitoring begleitet. Die Türme und Kästen werden regelmäßig kontrolliert. „Die neuen Quartiere müssen von den Fledermäusen angenommen werden, damit die Maßnahme erfolgreich ist“, sagt Schlenga. Nur dann geben die Naturschutzbehörden - und -verbände grünes Licht für den Neubau der Brücke.

AutobahnA45
Länge257 km
BundesländerNordrhein-Westfalen; Hessen; Bayern

Derweil wird der Auszug der Fledermäuse von den Höhenrettern vom Zentrum für Absturzsicherheit Höhenarbeit Höhenrettung aus Bottrop sehnlichst erwartet. Die Experten machten sich am Mittwoch ein Bild von der Situation auf der Brücke. Ihr Auftrag: Sie sollen im Sommer die Einfluglöcher der Fledermäuse in den Pfeilern verschließen, damit sich zum Zeitpunkt der Sprengung nicht doch noch eine Fledermaus im Bauwerk befindet.

Auch das geschützte Braune Langohr wurde an der Talbrücke Rahmede nachgewiesen. Ihm wird ein Ersatzquartier angeboten.	Foto: Patrick Pleul/dpa
Auch das geschützte Braune Langohr wurde an der Talbrücke Rahmede nachgewiesen. Ihm wird ein Ersatzquartier angeboten. © Patrick Pleul

Parallel dazu bereitet eine Tiefbaufirma die Baugrunduntersuchung für den Neubau vor. Schon bald sollen Bohrungen durchgeführt werden – für die Proben, aber auch um Anker zu setzen, damit die Baufirma sicher mit schwerem Gerät ins steile Gelände kommt. Der Bagger unter der Brücke hat sogar schon etwas Erde bewegt – da, wo keine Haselmaus lebt. Im Moment ruht die Baustelle aber wieder. Baufirma und Autobahn GmbH warten darauf, dass die Haselmaus aus dem Winterschlaf erwacht – und die Naturschutzbehörde endlich grünes Licht gibt.

Unterdessen sorgt ein neues Schild in Lüdenscheid für Gesprächsstoff. Es fordert Autofahrer auf, ihr Navi auszustellen. Zudem steht in Lüdenscheid aufgrund der A45-Sperrung nun ein Blitzer, der auch Verkehrsteilnehmer blitzt, die nicht zu schnell sind.

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