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A45-Sperrung: 250 Schäden an Talbrücke entdeckt - Test für Not-Verstärkung

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Von: Jan Schmitz

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Erschreckende Bilanz des Laserscans: Die Verformungen sollen nun mit Stahlplatten ausgeglichen werden, damit die A45-Sperrung für Pkw aufgehoben werden kann.

Lüdenscheid – Bei einem Laserscan wurde Anfang Dezember eine einzelne Verformung an einer Stahlwand der Talbrücke Rahmede an der A45 entdeckt. Weil Einsturzgefahr bei Belastung nicht ausgeschlossen werden konnte, sperrte die Autobahn GmbH Westfalen kurzerhand die A45 und stürzte eine ganze Region ins Chaos. An den Tagen darauf tauchten bei Untersuchungen weitere verbogene Stahlwände an der Brücke auf. Es sollten nicht die letzten gewesen sein: Inzwischen sind laut Autobahn GmbH rund 250 Schadstellen am Brückenkörper gefunden worden.

AutobahnA45
Länge257 km
BundesländerNordrhein-Westfalen; Hessen; Bayern

A45-Sperrung bei Lüdenscheid - die Not-Verstärkung

Während Lkw bis zum Neubau einer provisorischen Brücke die Stelle nicht mehr passieren dürfen, sollen schon in drei bis vier Monaten wieder Pkw über die marode Brücke fahren. Dafür wird – so der Plan – das fünf Meter hohe Trägergerüst unterhalb der Fahrbahn mit Stahlplatten verstärkt. Inzwischen hat die Autobahn Westfalen nach eigenen Angaben gemeinsam mit dem Statikbüro und dem Stahlbauunternehmen ein Montagekonzept entwickelt.

Dieses sieht vor, dass an die Stahlwände von außen U-Profile und von innen dagegen L-Profile geschraubt werden, um die Verformungen in den Stahlwänden auszugleichen. „Um die Profile montieren zu können, werden Teilstücke mit einem Gewicht von 60 bis 70 Kilogramm zu einem fünf Meter hohen Profil zusammengesetzt“, sagt Autobahn-Sprecherin Susanne Schlenga. Das Verfahren wurde speziell für die Sicherung der Stahlträger-Brücke in Lüdenscheid entwickelt. Vorbilder gibt es nicht.

A45-Sperrung bei Lüdenscheid - die Spezialanfertigung

Eine maßgeschneiderte Lösung erfordert auch die Montage unterhalb der Fahrbahn. Derzeit wird laut Autobahn GmbH ein speziell für diese Brücke geeigneter Montagewagen konstruiert, der unter die Brücke gehängt werden soll. Eine besondere Herausforderung ist, dass der Wagen zwischen den Pfeilern umgehängt werden muss. „Planung und Bau dieses Wagens sowie eines zweiten, kleineren Wagens zur Materialanlieferung laufen“, sagt Schlenga.

An die fünf Meter hohen Stahlwände unterhalb der Fahrbahn werden Stahlplatten geschraubt.
An die fünf Meter hohen Stahlwände unterhalb der Fahrbahn werden Stahlplatten geschraubt. © Carsten Engel

Wann die Montage der Verstärkungsprofile beginnen kann, ist unklar. Sie wird ebenso wie der Bau des Montagewagens statisch berechnet. Anschließend muss ein Prüfingenieur grünes Licht geben. Geprüft wird auch, ob die Altenaer Straße unterhalb der Brücke während der Bauarbeiten in mehr als 70 Metern Höhe aus Sicherheitsgründen gesperrt wird.

A45-Sperrung bei Lüdenscheid - die Probemontage

Nach eigenen Angaben hat die Autobahn GmbH inzwischen mit einer Probemontage von Stahlplatten an einer ohne Fahrkorb erreichbaren Stelle begonnen. „Mit dieser Montage wird getestet, ob das auf dem Papier entwickelte Verfahren in der Praxis umsetzbar ist. Zweiter Schritt ist, die bearbeitete Stelle erneut per Laserscan zu vermessen, um das Ergebnis bewerten zu können“, erklärt Susanne Schlenga.

Falls die Stahlwände mit dieser Methode stabilisiert werden, hält die Autobahn GmbH an dem ambitionierten Zeitplan fest und will die Brücke spätestens Mitte April 2022 wieder für Pkw freigeben. Voraussetzung sei ein nicht allzu harter Lüdenscheider Winter. „Unter der Brücke kann es sehr windig, feucht und kalt sein, selbst wenn oben auf der Brücke die Wintersonne die Temperaturen steigen lässt“, sagt die Autobahn-Sprecherin. Darum sei ein häufiger Wechsel der Arbeiter notwendig.

Die Untersuchungen an der Talbrücke Rahmede sind noch nicht abgeschlossen. Bislang wurden mittels Laserscan rund 250 Schadstellen am Brückenkörper entdeckt, überwiegend an den Stahlwänden des Trägersystems.
Die Untersuchungen an der Talbrücke Rahmede sind noch nicht abgeschlossen. Bislang wurden mittels Laserscan rund 250 Schadstellen am Brückenkörper entdeckt, überwiegend an den Stahlwänden des Trägersystems. © www.luftbild-blossey.de

A45-Sperrung bei Lüdenscheid: Schranken auf der Autobahn

Sollte sich das Verfahren zur Not-Verstärkung bewähren, werden im nächsten Schritt Schranken-Anlagen auf der A45 installiert, die nur von Pkw durchfahren werden können – dazu soll neben optischen Verfahren auch eine Waage eingesetzt werden. Lkw werden aussortiert und auf die Umleitungsstrecken geleitet. Nach Angaben der Autobahn GmbH sei die Anlage in Zusammenarbeit mit einem Fachunternehmen in Planung.

Demnach werden die Lkw-Sperren in Fahrtrichtung Dortmund vor der Anschlussstelle Lüdenscheid aufgebaut, in Fahrtrichtung Frankfurt vor der Anschlussstelle Lüdenscheid-Nord. Gleichzeitig sollen – so der aktuelle Stand der Planung – die Auffahrten Lüdenscheid (in Richtung Dortmund) und Lüdenscheid-Nord (in Richtung Frankfurt) auch für Pkw gesperrt bleiben, da andernfalls zwei zusätzliche Sperr-Anlagen installiert werden müssten.

A45-Sperrung bei Lüdenscheid: Talbrücke Sterbecke wird nicht zurückgestellt

Direkt an der Anschlussstelle Lüdenscheid-Nord auf Schalksmühler Gebiet befindet sich die ebenfalls marode Talbrücke Sterbecke. Erste Vorarbeiten sind bereits abgeschlossen. Auf Anfrage teilte die Autobahn GmbH mit, dass mit Blick auf die akute Situation an der Talbrücke Rahmede der Neubau der Talbrücke Sterbecke nicht zurückgestellt werde.

Das Baurecht solle hier wie bei der Lennetalbrücke mittels des sogenannten ‘Falls unwesentlicher Bedeutung’ (§74 Verwaltungsverfahrensgesetz) erlangt werden. Dieser tritt ein, wenn unter anderem „andere öffentliche Belange nicht berührt“ sind. So können zeitaufwendige Planfeststellung und Plangenehmigung entfallen. Der „Fall unwesentlicher Bedeutung“ ist das Instrument, das auch für den Ersatzneubau der Talbrücke Rahmede von Regierungspräsident Hans-Josef Vogel ins Spiel gebracht worden war. Für die Talbrücke Sterbecke bedeutet das beschleunigte Verfahren immerhin, dass laut Autobahn GmbH der Baustart noch 2022 erfolgen könnte.

2010 war schon einmal eine Not-Verstärkung an der Talbrücke Rahmede geplant

Bereits vor elf Jahren war eine Not-Verstärkung an der Talbrücke Rahmede geplant, um die Brücke „für den ständig zunehmenden Schwerverkehr fit zu machen“, wie es in einem Bericht der Lüdenscheider Nachrichten vom Dezember 2010 hieß. Demnach sollten Stahlbögen zwischen die Brückenpfeiler gespannt werden, die die Statik in der Brückenmitte entlasten sollen. Kosten damals: 10 Millionen Euro. Wie berichtet, wurde die Not-Verstärkung verworfen, weil der Neubau der Brücke noch 2014 hoch priorisiert wurde. Anfang 2017 kippte diese Priorisierung. Die für diesen Fall ursprünglich vorgesehene Not-Verstärkung wurde aber nicht mehr umgesetzt.

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