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Ein Jahr Brücken-Desaster A45: „Auf den Straßen ist sich aktuell jeder selbst der nächste“

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Von: Leon Malte Cilsik

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Anita Nowozin kennt die Staus auf der Bedarfsumleitung aus der Perspektive der Busfahrerin.
Anita Nowozin kennt die Staus auf der Bedarfsumleitung aus der Perspektive der Busfahrerin. © Cedric Nougrigat

Die A45-Brücke ist seit einem Jahr gesperrt. Die Situation auf den Straßen in Lüdenscheid ist angespannt. Anita Nowozin ist Busfahrerin aus Leidenschaft und erzählt von ihrem Brücken-Jahr.

Lüdenscheid – Anita Nowozin ist Busfahrerin bei der MVG und bringt täglich hunderte Fahrgäste sicher durch den Stau in der Bergstadt. Die gelernte Damenschneidermeisterin entdeckte nach einer Kinderzeit in einem Kleinbus der christlichen Grundschule ihre Leidenschaft als Berufskraftfahrerin. Inzwischen lenkt sie seit 21 Jahren Busse durch den gesamten Märkischen Kreis und hatte stets Spaß an ihrer Rolle als Dienstleisterin, wie sie sagt. Hier erzählt sie, ob das auch noch nach der Sperrung der A45-Brücke so ist:

Ein Jahr Brücken-Desaster A45: „Auf den Straßen ist sich aktuell jeder selbst der nächste“

„Die Straßenlage ist seit einem Jahr chaotisch, verbessert hat sich wenig. Gerade in den Tagen und Wochen nach der Autobahnsperrung war von uns Busfahrern Flexibilität gefragt. Ich kann mich noch genau an den ersten Abend erinnern, nachdem die Brücke geschlossen wurde. Ich kam aus Letmathe und hatte unglaublich viel Verspätung. Statt an der Christuskirche vorbeizufahren, habe ich stattdessen nach Absprache mit der Leitstelle meine Umsteiger einem Kollegen übergeben und bin dann erst zum Arbeitsamt und danach am Kulturhaus direkt wieder als eine andere Linie eingesetzt worden – sonst wäre diese ganz ausgefallen. Solche Improvisation braucht es heute glücklicherweise nicht mehr, gerade nach den Fahrplananpassungen. Aber ein Tag im Bus schlaucht trotzdem ungemein, da spreche ich wohl für den gesamten Betrieb.

Ich habe noch Glück, von Stüttinghausen habe ich es zur MVG nicht weit. Teilweise haben die Kollegen Anfahrten von über einer Stunde und müssen dann eine Neuneinhalb-Stunden-Schicht im Bus fahren. Zumindest wenn alles normal läuft. Denn oft sind weder der Feierabend noch die Pausenzeiten bei dem Verkehr noch gut planbar. Besonders schlimm ist es auf den Linien 87 und 37, aber auch die S1, 42 und 44 sind regelmäßig vom Stau betroffen. Nicht umsonst musste die MVG den Fahrplan vielerorts anpassen, an Pausen war für uns Fahrer vorher kaum noch zu denken, zumindest wenn wir pünktlich kommen wollten. Geschafft haben wir das trotzdem oft nicht. Auch mit dem neuen Fahrplan bereitet uns die Verkehrssituation dabei große Schwierigkeiten, aber im Zweifel muss man sich einfach die nötigen Pausen nehmen. Auch wenn das oft schwer fällt angesichts wartender Gäste. So verlangt es auch die MVG von uns – zu Recht, wie ich finde. Sonst wird es unverantwortlich.

Doch Pausen hin oder her: Unsere Schichten sind auch so noch anstrengend genug. Auf den Straßen ist sich aktuell jeder selbst der nächste – vor allem die Pkw fahren oft sehr aggressiv und nehmen uns Bussen die Vorfahrt. Da steht man am Steuer permanent unter Spannung. Denn speziell uns etwas „trägere“ Verkehrsteilnehmer gefährden diese rücksichtslosen Fahrweisen: Ich bekomme zwar nicht alles im Betrieb mit und kenne auch die offiziellen Zahlen nicht, aber ich habe den Eindruck, dass immer mehr meiner Kollegen ohne eigenes Verschulden in Unfälle verwickelt sind, auch wenn ich selbst bisher verschont geblieben bin.

Busfahrerin zum Brücken-Desaster A45: „Lkw-Fahrer sind oft deutlich rücksichtsvoller“

Etwas entspannter erscheinen mir da oft die Lkw-Fahrer. Ich weiß, dass gerade der Schwerlastverkehr eine enorme Belastung für die Menschen in Lüdenscheid und speziell die Anwohner der Umleitungsstrecken ist, aber für uns Busfahrer sind sie im Straßenverkehr das kleinere Übel. Die Lkw-Fahrer sind oft deutlich rücksichtsvoller und lassen uns durch. Sie haben wahrscheinlich einfach mehr Übersicht und wissen, was es heißt, ein so großes Fahrzeug durch den Straßenverkehr lenken zu müssen.

Natürlich kann ich den Ärger der Fahrgäste verstehen, wenn sie nicht pünktlich kommen oder eine Linie sogar ganz ausfällt. Und es ist auch für uns Fahrer frustrierend, wir möchten die Menschen ja auch pünktlich und stressfrei transportieren, können unserem Berufsethos und Prinzipien bei der MVG aber nicht mehr vernünftig nachkommen. An dieser Stelle möchte ich gerne um mehr Verständnis für uns Busfahrer bitten – wir können nichts für die aktuelle Situation und geben unser Bestes. Auch wenn es inzwischen besser geworden ist, machen uns noch immer viele Fahrgäste persönlich verantwortlich für die Verspätungen, in teilweise sogar wirklich aggressivem Ton.

Brücken-Desaster A45: Busfahrerin mit Appell an Verkehrsteilnehmer

Die Verkehrsplaner würde ich hingegen um eine bessere Zusammenarbeit mit den Bauunternehmern bitten. Als regelmäßige Beobachterin so ziemlich aller Baustellen im Stadtgebiet hinterfrage ich ehrlicherweise schon so manchen Zeitplan. Zum Beispiel war am Sauerfeld hoch über eine Woche eine Fahrspur gesperrt, obwohl sich der Bagger nicht bewegt und sich generell nichts auf der Baustelle getan hat. Die Sperrung hätte doch auch deutlich kurzfristiger geschehen können. Andernorts ergibt die Beschilderung keinen Sinn. Da würde ich das Beispiel der Haltestelle an der Augustastraße anführen. Wenn ich auf der Westraße in Richtung Sauerfeld fahre, stehen dort in einem kleinen Bogen vier Schilder auf der Busspur, sodass ich wegen meiner Spiegel auf die andere Fahrspur ausweichen muss. Das sind aber nur zwei Beispiele von vielen. Ich würde mir wünschen, dass sich die Verantwortlichen regelmäßiger ein Bild vor Ort machen und zumindest solche vermeidbaren Ärgernisse schnell und effektiv beheben. Der Verkehr ist in Lüdenscheid ohnehin schon schlimm genug.

Generell appelliere ich an alle Verkehrsteilnehmer, dass wir im Straßenverkehr mehr aufeinander achten und mehr Verständnis füreinander aufbringen – egal ob nun Auto-, Lkw- und Busfahrer oder Fahrgast. Das Mitmenschliche sollte uns nicht verloren gehen, besonders nicht im anstehenden Winter, der wohl kaum für bessere Zustände auf unseren Straßen sorgen wird.“

Pendler, die täglich mit dem Auto nach Lüdenscheid kommen, haben ein Jahr voll Stau und Verkehrschaos hinter sich. Für Verkehrsplanerin Nina Niggemann-Schulte gibt es seit einem Jahr auch nur noch ein Thema: die Brücke. Sie sagt: „Das hat dauerthaft alle Dimensionen gesprengt.“

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