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Ein Jahr A45-Sperrung: „Ich bin stinksauer auf diese gleichgültige Haltung“

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Von: Thomas Machatzke

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Bernd Küthe steht selbst im Stau und muss selbst mit den Verlusten durch die Sperrung kalkulieren. Auf die Politik ist er nicht gut zu sprechen.
Bernd Küthe steht selbst im Stau und muss selbst mit den Verlusten durch die Sperrung kalkulieren. Auf die Politik ist er nicht gut zu sprechen. © Cedric Nougrigat

Seit einem Jahr ist die A45-Talbrücke Rahmede gesperrt. Bernd Küthe landet von seiner Firma aus direkt im Umleitungsverkehr. Er hat viele Ideen — und viel Frust.

Lüdenscheid – Bernd Küthe trifft die Sperrung der Talbrücke Rahmede vielfältig: Als Lkw-Fahrer steht Küthe häufig selbst im Stau – als einer aus jener Spezies, die bei den Anwohnern an der Bedarfsumleitung besonders unbeliebt sind. Als Unternehmer indes muss der Lüdenscheider, dessen Spedition in der Dönne direkt an der Bedarfsumleitung liegt, mit den Verlusten durch die A45-Sperrung umgehen. Jeder Lkw, der vom Hof rollt, rollt direkt in den ersten Stau. Bernd Küthe hat viele Ideen, wie es besser laufen könnte. Und viel Frust:

Ein Jahr Brücken-Desaster A45: „Kein Unternehmer würde so handeln wie das Land und der Bund“

„Mitte Dezember waren Florian Müller und Ralf Schwarzkopf als Abgeordnete bei mir. Da habe ich direkt gesagt: Die Gesetze müssen geändert werden: Am besten mal direkt das Handy raus und in Berlin anrufen! Weil uns die Bürokratie in Deutschland in allen Belangen ausbremst. Es ist richtig, Tiere und Umwelt müssen geschützt werden. Aber in so einem Jahr ein Fass aufzumachen. Dass nichts passiert, weil da Fledermäuse in einem Turm leben und die Haselmaus gesichtet worden ist. Ringsum werden ganze Wälder abgeholzt, da verlieren Tiere ihr Zuhause. Im Oedenthal werden Quellen von den Harvestern kaputt gefahren. Dazu wird geschwiegen. Und bei der Brücke? Da wird doch nur etwas Neues errichtet. Da braucht es kein Brimborium mit Gutachten, Baustopps und Fledermaustürmen für 120.000 Euro. Das versteht kein Mensch.

2014 stand fest, dass die Brücke erneuert werden muss. 2015 mussten wir schon wegen der Sterbecker Brücke einen Umweg über Mitte fahren. Da saß noch Straßen.NRW in der Verantwortung. Da habe ich schon gesagt, dass die B54 als Umleitung ungeeignet ist. Ich habe meine Auflieger an den Lkw so bauen lassen, dass ich unter den B54-Brücken herpassen, weil wir diese Strecken in der Region brauchen. Aber wie sollte das in Lüdenscheid gehen? Das habe ich damals schon gefragt. Jetzt wird auf der Heedfelder Landstraße eine Baustelle errichtet, in Heedfeld, auf der Volmestraße. Was geht hier ab? Das hätte doch noch fünf Jahre Zeit gehabt. Ich habe nichts gegen Radwege, fahre selbst gerne Fahrrad. Aber jetzt bräuchte man hier auf der Heedfelder Landstraße eine zweite Spur für Lkw, damit die Pkw dran vorbeifahren können. Solche Überholspuren gibt es im Münsterland, gibt es überall, das sehen wir doch. Nur in Lüdenscheid geht das nicht. Ich sage: Dann macht doch die Tunnelröhre offen! Da sagen sie: Das geht nicht! Ich will nicht wissen, was nicht geht. Ich will wissen, was geht. Ich bin bei fast jeder SIHK-Sitzung dabei. Kein Unternehmer würde so handeln wie das Land und der Bund. Von der Stadt hätte ich mir gewünscht, dass sie sich kein Büro für 800.000 Euro an der Lennestraße hinsetzt.

A45-Sperrung: „Ich bin stinksauer auf diese gleichgültige Haltung“

Der Verkehr muss sich entzerren. Dafür habe ich immer wieder Vorschläge gemacht zu den Ampelschaltungen, aber auch zur Altenaer Straße. Warum müssen da Pkw am Rande stehen? Die Antwort von Straßen.NRW: Sie hätten Angst, dass dann noch mehr Verkehr durch Lüdenscheid fährt. Auch durch den Tunnel. Wir fahren Umwege, verpesten die Luft, verquasen Zeit. Wir fahren mit zwei Autos fest bei einer Galvanik, die direkt unter der Brücke liegt. Wir verlieren mit jedem Auto pro Tag zwei bis drei Stunden. Wenn ich zwei Stunde zu Grunde lege bei einem Stundenlohn von 60 Euro, dann sind wir bei 97.500 Euro im Jahr, die wir im Stau verlieren. Die müssen bezahlt werden. Einen Teil übernehme ich, einen Teil der Kunde. Mit Faust in der Tasche und einem dicken Hals. Wir splitten Kunden, die wir sonst jeden Tag angefahren haben. Das passt alles nicht mehr unter einen Hut. Es ist ein volkswirtschaftlicher Totalschaden.

Arbeitskräfte verloren haben wir zum Glück nicht. Ab September haben wir private 50-Euro-Tankgutscheine ausgegeben, haben eine richtige Schippe auf den Bruttolohn gepackt, damit niemand abhaut. Aber ich weiß von Firmen oder dem Klinikum: Gute Leute aus Dortmund, Witten oder Iserlohn tun sich das nicht mehr an, wenn sie ein anderes gutes Angebot haben. Das prallt bei den Politikern ab. Ich bin stinksauer auf diese gleichgültige Haltung, am liebsten würde ich Busse chartern und nach Düsseldorf fahren. Hier wird eine der stärksten Industrieregionen Europas im Stich gelassen.

Unternehmer und Lkw-Fahrer zur A45-Sperrung: „Es muss ein Umdenken geben“

Wenn ein Neukunde zu uns kommt und hat einen Wunsch, überlegen wir, wie es klappen kann, drehen an Stellschrauben, damit es Richtung Norden geht. Das macht jeder. Da wird nichts kaputtgeredet. Da muss man keinen Stuhlkreis bilden und über ungelegte Eier reden. Natürlich hat das Land hier gepennt mit der Brücke. Aber so lange Baustelle gibt’s nur hier in Deutschland. Wenn sich die Gesetzgebung nicht schlagartig ändert, wird das nichts. Seit 1998 bin ich Spediteur. Der Lkw-Fahrer ist in Deutschland ein Mensch dritter Klasse. Wir versperren alles, bauen die schlimmsten Unfälle, behindern alle. Das Ansehen ist auf einer Skala von 1 bis 10 bei 1,5. Wenn ich in Holland ankomme, bekommt man einen Kaffee oder eine Dusche angeboten. In der Schweiz ist es das Gleiche. Im Süden geht’s auch noch. Da ist man noch wertgeschätzt. In NRW ist es eine Katastrophe. Die Fahrer haben die Faxen dicke, wenn sie vom Kreishaus zum Platz bei uns eine Stunde brauchen. Jeder will früh nach Hause. Dabei sind wir hier noch in der guten Lage, weil wir von hier über Rummenohl oder Radevormwald und Schwelm ausweichen können. Wenn ich an die Kollegen aus Altena oder Werdohl denke, wenn die zur Autobahn müssen...

Ich bin jetzt 62 Jahre alt. Ich werde 70 darüber, wenn es so weitergeht. Ich würde es mir schneller wünschen, aber ich glaube nicht dran. Schauen wir uns nur den Tunnel an. Zehn Jahre! Da ist auch noch keine Lampe runtergefallen. Wir hätten da weiter durchfahren können. Drei Gutachten sind erstellt worden. Dabei hat der Architekt noch gelebt. Der hätte sagen können, was da verbaut worden ist: Asbest! In den 70ern ist doch gar nichts anderes verbaut worden für den Brandschutz. Das hätte man sich sparen können.

Es muss ein Umdenken geben: Wir sind gefangen in einer Bürokratie, die nichts mehr zulässt. Wenn es knallt und die Brücke gesprengt wird, dann fliegt die Fledermaus weg und sucht sich was Neues. Wenn’s der Haselmaus ungemütlich wird, dann geht sie weg. Und wenn sie Pech hat, kommt der Hühnerhabicht. So ist die Natur. Wir haben inzwischen die teuersten Lkw mit Euro-6-Norm. So umweltgerecht, wie es nur möglich ist. Und dann muss man zehn Jahre lang die Weststraße fahren, um nach Lüdenscheid-Süd zu kommen. Die Verkehrsplaner müssten mal über den Tellerrand schauen. Verkehr muss fließen. Andere Länder schaffen das, aber wenn du nach Deutschland kommst, dann fängt der Krieg an.“

Für diejenigen, die ständig im Stau stehen, ist die Situation untragbar. So sagt eine Busfahrerin der MVG nach einem Jahr A45-Sperrung: „Auf den Straßen ist sich aktuell jeder selbst der nächste.“ Gastronom Taner Sümerli kämpft seit der Sperrung mit hohen Umsatzeinbußen.

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