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Ein Jahr Brücken-Desaster A45: „Das hat dauerhaft alle Dimensionen gesprengt“

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Von: Thomas Machatzke

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Nina Niggemann-Schulte hat im Rathaus seit einem Jahr nur noch ein Thema: die Talbrücke Rahmede.
Nina Niggemann-Schulte hat im Rathaus seit einem Jahr nur noch ein Thema: die Talbrücke Rahmede. © Cedric Nougrigat

Die A45-Brücke in Lüdenscheid ist seit einem Jahr gesperrt. Verkehrsplanerin Nina Niggemann-Schulte hat nur noch ein Thema: das Verkehrschaos. Wie Sie das erste Jahr erlebt hat.

Lüdenscheid – Nina Niggemann-Schulte arbeitet seit 2010 als Bauingenieurin im Bereich der Verkehrsplanung bei der Stadt Lüdenscheid. Die 46-Jährige hat in Wuppertal studiert und später für Ingenieur-Büros in Wuppertal und Düsseldorf gearbeitet. Nach Lüdenscheid ist sie aus familiären Gründen zurückgekehrt. Nun hat sie im Rathaus mehr als jeder andere Beschäftigte der Stadt dieses eine Thema auf dem Schreibtisch: das Verkehrschaos nach der Sperrung der A45-Talbrücke Rahmede. Nina Niggemann-Schulte schaut hier auf ihr Brückenjahr zurück:

Ein Jahr Brücken-Desaster A45: Ausmaß war zunächst nicht absehbar

„Ich erinnere mit noch ziemlich genau an den Tag. Es war ein Donnerstag, später Nachmittag. Ich habe im Homeoffice noch einmal meine E-Mails gecheckt, weil ich die Vertretung für die Fachdienstleitung gemacht habe. Da gab es die E-Mail zu einer Pressemitteilung, dass die Brücke gesperrt wird. Dass das nicht gut ist, war mir direkt klar, aber das Ausmaß war natürlich noch nicht absehbar. Ich habe direkt unseren Fachbereichsleiter informiert und die Möglichkeiten gecheckt, wie wir reagieren können, habe nachgeschaut, wie die offizielle Umleitung aussieht. Damit hat man sonst ja weniger zu tun. Wir befassen uns ja eigentlich eher mit dem städtischen Verkehr und nicht mit dem Autobahnverkehr. Es war klar, dass das ein massiver Einschnitt ist.

In den ersten Wochen nach der Sperrung hatten wir die Hoffnung, dass vielleicht wenigstens Pkw die Brücke wieder befahren können. Das hat sich ja leider im Januar zerschlagen. Als Verkehrsplaner haben wir von Beginn an so viel getan wie möglich: zum Beispiel bei den Lichtsignalanlagen, im Weiteren aber auch bei verkehrslenkenden Maßnahmen wie Lkw-Verboten oder der Ausweisung von Anliegerbereichen. Dabei haben wir alles berücksichtigt, egal ob das Rückmeldungen von Bürgern oder aus der Wirtschaft waren. Regelungsbedarf haben wir ja selbst auch gesehen. Nach einer gewissen Zeit hat sich die Lage ein Stück weit eingependelt, so dass nach und nach auch die großräumigen Maßnahmen Wirkung gezeigt haben. Die Autobahn GmbH hat auch versucht zu steuern. Nur: für uns als Stadt natürlich nicht genug.

Brücken-Sperrung der A45 in Lüdenscheid: „Das war eine ganz andere Dimension“

Schon vor der Sperrung hatten wir im Fachdienst Verkehrsplanung und -lenkung keine Langeweile. Wir waren personell ohnehin schon am Limit. Wir hatten Themen wie Radverkehr, nachhaltige Verkehrsmittel, Mobilitätswende, Elektromobilität auf der Agenda, um die Stadt zukunftsfähig zu machen. Das hat sich alles erst einmal zerschlagen. Ich habe im letzten Jahr kaum etwas anderes gemacht außer mich mit den verkehrlichen Auswirkungen der Brückensperrung zu beschäftigen und das normale Tagesgeschäft. Denn wir sind Straßenverkehrsbehörde, da gibt es Dinge, die natürlich auch laufen müssen. Ich habe in der Zeit neue Ansprechpartner außerhalb unseres normalen Aufgabenbereiches kennengelernt, viele Zuständigkeiten neu sortiert. Das war eine ganz andere Dimension.

Ist man irgendwann von der ganzen Situation genervt? Ja, auf jeden Fall, aber es hilft ja nichts. Es versuchen alle, das Beste rauszuholen und gut zusammenzuarbeiten, um zu einer guten Lösung zu kommen. Dabei vertritt jeder berechtigterweise seine Interessen. Es sind rechtliche Rahmenbedingungen einzuhalten. Zuständigkeiten. Alles ist sehr komplex und kompliziert. Ich will nicht sagen, dass wir alles richtig gemacht haben, aber wir haben alles nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. Was wir vermieden haben, das sind wilder Aktionismus und Schnellschüsse. Die Maßnahmen waren gut überlegt und abgewogen. Das hat manchmal dazu geführt, dass der Eindruck entstanden ist: „Die Verwaltung braucht aber wieder lange!“ Aber aus gutem Grunde, weil man zielführende Maßnahmen treffen wollte.

Neben den Abstimmungen mit den vielen anderen Behörden kam für uns eine neue E-Mail-Adresse dazu. Über die konnten sich alle Bürger mit Ideen oder Beschwerden an uns wenden. Alle E-Mails zu beantworten, das war gar nicht zu leisten. Aber es hat uns einen guten Überblick gegeben, wo die Probleme liegen und welche Lösungsansätze es gibt. Das hat uns dazu gebracht, Dinge noch einmal anders zu betrachten und zu prüfen.

Ich bin „nur“ in Teilzeit beschäftigt, wegen meiner Familie. Seit der Brückensperrung arbeite ich definitiv mehr, was natürlich auch meine Familie zu spüren bekommt. Die Arbeit ist auch nach der ersten Welle von E-Mails nicht weniger geworden. Man denkt immer, dass ein nächster Step erreicht ist und sich eine Situation eingespielt oder beruhigt hat. Aber dann kommt von irgendwoher etwas Neues.

Brücken-Desaster A45: „Man ist grundsätzlich am Limit oder darüber“

Ich kann eigentlich keinen besonderen Höhepunkt bei der Arbeitsbelastung ausmachen. Das hat einfach dauerhaft wirklich alle Dimensionen gesprengt. Man ist grundsätzlich am Limit oder darüber. Wir haben, auch vor dem Hintergrund der aktuellen Verkehrsverhältnisse, zwei Stellen ausgeschrieben – aber nicht besetzen können. In der Verwaltung kann man unsere Aufgaben nicht verlagern, weil das Fachwissen nicht da ist. Innerhalb des Fachdienstes haben wir einige Projekte gestrichen oder aufgeschoben, für die es keine gesetzliche Verpflichtung gibt. Das Thema Radverkehr zum Beispiel. Aber Fachkräftemangel ist ja nun kein Novum. Gerade im Bauingenieurwesen mit der Vertiefung Verkehrsplanung war es immer schon schwierig, Leute zu finden. Insbesondere natürlich in Lüdenscheid, die Brücke hat es nicht besser gemacht.

Privat bin ich eher am Rande betroffen. Die Auswirkungen sind überall spürbar. Man überlegt sich dreimal, wann man wo einkaufen fährt und auch, wen man besuchen fährt. Ein Geburtstag für ein Stündchen abends in der Woche? Wenn man dazu quer durch die Stadt muss, dann verzichtet man schon mal darauf. Und: Man wird natürlich ständig auf die Situation angesprochen. Ich komme aus Lüdenscheid, lebe hier, da bleibt das nicht aus. Das nervt manchmal, aber das ist mein Job, der mir prinzipiell auch Spaß macht. Ein Ausblick? Wenn ich keine positive Perspektive hätte, dann würde ich den Job wahrscheinlich nicht mehr machen. Und wenn es erst mit der Freigabe des ersten Brückenteils ist. Das ist natürlich eine lange Strecke, aber eine positive Perspektive!“

Das Brücken-Desaster

Seit einem Jahr ist die Rahmede-Talbrücke der A45 in Lüdenscheid voll gesperrt. 365 Tage voller Verkehrschaos, Zukunftsängste und Wut liegen hinter einer Region, die kurz vor dem Kollaps steht. Betroffene aus Lüdenscheid haben uns ihre Geschichte erzählt. Anwohner, Unternehmer, Gastronomen, Pendler — sie alle haben eins gemeinsam: Das Brücken-Desaster bestimmt seit einem Jahr ihr Leben.

Vor allem Anwohner trifft das Brücken-Desaster hart. Petra und Hubert Gerbersmann haben das Verkehrschaos direkt vor ihrer Haustür in Lüdenscheid. Wie sie ein Jahr im Nadelöhr der Bedarfsumleitung erlebten.

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