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Brücken-Desaster A45: Ein Jahr im Stau - ein Pendler erzählt

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Von: Thomas Machatzke

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Dr. Ulrich Schneider ist zwar auch genervt vom Verkehr zwischen Dortmund und Hellersen, aber dafür hat er mit dem Fahrrad die Wälder und Talsperren schätzen gelernt.
Dr. Ulrich Schneider ist zwar auch genervt vom Verkehr zwischen Dortmund und Hellersen, aber dafür hat er mit dem Fahrrad die Wälder und Talsperren schätzen gelernt. © Cedric Nougrigat

Seit einem Jahr ist die Talbrücke Rahmede gesperrt. Seit einem Jahr kämpft sich Dr. Ulrich Schneider täglich von Dortmund nach Lüdenscheid. Ein Einblick.

Lüdenscheid – Seit 22 Jahren arbeitet Dr. Ulrich Schneider in der Abteilung Sportmedizin der Sportklinik in Hellersen. Als er anfing, war Dr. Ernst Jakob Chef dieser Abteilung, heute leitet Schneider sie und ist seit 2020 auch stellvertretender Ärztlicher Direktor. Die Fahrt zur Arbeit aus Dortmund hat ihm nie etwas ausgemacht. Nun durch die A45-Brückensperrung aber ist sie eine besondere Prüfung. Doch der Sportmediziner geht sportlich damit um: Er sucht nach Möglichkeiten, die Umstände zu mildern und hat sich den Blick auf das Schöne nicht verboten. Sein Jahr im Stau resümiert er im Telefongespräch zwischen Rathaustunnel und Autobahn-Auffahrt Nord:

Ein Jahr A45-Sperrung: Pendler kämpft sich täglich von Dortmund nach Lüdenscheid

An den Tag, als die Brücke gesperrt wurde, habe ich noch eine gute Erinnerung, weil ein Kollege eine WhatsApp-Nachricht geschickt und mich auf die Brückensperrung aufmerksam gemacht hat. Am Anfang hat man schon gedacht, dass es etwas Besonderes ist. Aber ich war mir noch nicht im Klaren, was es schlussendlich bedeutet. Zumal es sich um eine vorübergehende Sperrung handeln sollte. Möglicherweise sollte die Brücke für den Pkw-Verkehr wieder freigegeben werden. Da hatte ich mir ausgemalt, dass das unter Umständen nach der Prüfung sogar ein Vorteil sein könnte. Vorsichtiger Optimismus: drei Monate durchhalten, die Brücke wird verstärkt, und dann dürfen Pkw fahren bis die endgültige Brücke kommt. Für Pendler wäre das ein Vorteil gewesen. Aber es ist leider anders gekommen.

In den Anfangsmonaten hat man sich dann ausgetauscht. Wer hat eine gute Strecke gefunden? Was gibt es für Besonderheiten? Das ist natürlich alles schnell verflogen, weil bald alle diese Strecken kannten. Ich hatte mir mühselig etwas aus den Google-Karten herausgesucht und gar nicht dran gedacht, dass es auch Tausende anderer Autofahrer gibt, die nach Google fahren. Selbst die wildesten Ortskenntnisse führten dann nicht zu einem Vorteil. Irgendwann hat man sich für eine Strecke entschieden und hat diese dann halt genommen. Es geht jetzt meistens direkt zur Autobahn, das ist dann auch einfacher zu fahren. Es gibt sicherlich auch Nebenstrecken, die weniger befahren sind, aber das ist hier das Sauerland. Das muss man halt wissen, ob man das bei Nebel und Dunkelheit möchte.

Brücken-Desaster A45: „Man muss flexibler sein“

Dass man flexibler sein muss, wenn man es kann, hat sich in den weiteren Veränderungen gezeigt. Das kann nicht jeder im Job. Aber dort, wo es möglich ist, können flexible Arbeitszeiten ein Vorteil sein. Letztlich kann ich nur für mich sprechen. Ich bin auch früher schon mal zu einem späteren Zeitpunkt nach Hause gefahren. Ab einer gewissen Uhrzeit ist das nun trotz der Sperrung auch machbar. Flexiblere Arbeitszeiten sind also eine Möglichkeit. Unser Arbeitgeber ist da entgegenkommend, wenn es möglich ist. Oder ich mache nach der Arbeit hier einfach noch ein paar Erledigungen. Im Sommer bin ich noch Fahrrad gefahren, bevor es nach Hause ging. Ich versuche, das Beste draus zu machen. Bei allem Negativen ist auch manchmal was Gutes dabei. Aber nur manchmal. Ich will es nicht zu hoch aufhängen oder schönreden. Aber ich darf nicht nur im Negativen unterwegs sein. Das Radfahren im Bereich der Talsperren – das war schön.

Anstrengend war die letzte Zeit mit der gleichzeitigen Sperrung der B54. Da hätte ich die Bitte an die Politik und die Straßenbaugesellschaften, dass man besser informiert. Ich habe über die come-on-Internetseite etwas erfahren, aber wenn man auf der Seite von Straßen-NRW nichts über die Bauzeiten findet, ist das nicht gut. Wenn man ein zeitliches Limit kennt, ist es besser zu verstehen oder zu ertragen. Zu Spitzenzeiten und in der Rush Hour bin ich auch mal 90 Minuten gefahren, aber jetzt brauche ich, wenn es gut läuft, 55 Minuten. Ich bin auch früher freitags nie unter einer Stunde nach Hause gekommen. Nun kann es sein, dass auch mal 1:20 Stunde ist. Ich telefoniere dann ziemlich viel. Ich kann soziale Kontakte pflegen oder telefoniere beruflich, sofern das geht.

Ein Jahr Pendeln von Dortmund nach Lüdenscheid: „Man lernt die Stadt anders kennen“

Ein Muster habe ich noch nicht erkannt, wann es voll und wann weniger voll ist. Am Anfang dachte ich, es gäbe eines: Montagmorgen ist schlimm, Freitagabend ist super. Aber dieses Muster gibt es nicht mehr. Nun muss man schauen, wann es sinnvoll ist, noch zu bleiben und vielleicht länger zu arbeiten, um dem großen Stau zu entgehen. Manchmal nehme ich mir auch ein Zimmer, das wir in der Sportklinik beziehen können, und bleibe eine Nacht da. Andere Kollegen nutzen dieses Angebot die gesamte Woche. Oder man beschäftigt sich mit ganz anderen Dingen: Im Sommer habe ich auch mal Lüdenscheid erkundet. Die Brückensperrung hat zwangsläufig dazu geführt, dass man die Stadt anders kennenlernt. Früher bin ich nie über die Heedfelder Straße gefahren. Man bekommt nun auch mit, wie wichtig diese Region mit ihren Unternehmen ist. Ich wusste es immer vom Hörensagen, aber nun sieht man es auch mehr.

Was die Sperrung für die Sportklinik Hellersen bedeutet, kann ich in meiner Funktion nicht aussagekräftig bewerten. Natürlich spricht man mit Kollegen und Patienten über die Brückensperrung, aber unter den Mitarbeitern konnte ich bisher keine Massenabwanderung feststellen. Sicherlich spielen hier auch unsere familiären Strukturen rein. Sofern es möglich ist, wird auf individuelle Bedürfnisse eingegangen. Man kann letztlich nichts an der Sperrung ändern. Man muss die Situation nehmen, wie sie ist. Es gibt keinen Schuldigen dafür. Vielleicht muss man auch bei der Infrastruktur zu neuen Denkweisen kommen, nicht immer nur nachbauen. Ich wünsche mir, was den Verkehr betrifft, generell nur eine gewisse Koordination und Transparenz bei den Baustellen. Morgens habe ich mein erstes Problem in Dortmund auf der A1 mit einer Baustelleneinrichtung, auf der ich noch nie jemanden habe arbeiten gesehen. Da verliere ich dann sieben oder acht Minuten. So summiert es sich von Baustelle zu Baustelle.

Ich versuche, die Dinge emotionslos und wertfrei zu sehen, das Beste daraus zu machen. Ich habe keine andere Wahl. Das ist eine Einstellung, mit der ich mich derzeit auch medizinisch beschäftige. Ich kann es nicht ändern, kann nur die Umstände mildern – das sind auch Faktoren in der Stressmedizin. Ich arbeite sehr gerne in der Sportklinik, deshalb muss ich diese Fahrten nun in Kauf nehmen und habe trotzdem auch das eine oder andere Schöne entdeckt. Die Wälder hier finde ich klasse! Und ich persönlich bin es gewohnt gewesen, auch mal länger zu arbeiten. Wenn ich an Zeiten gebunden wäre, Kinder abholen müsste oder Ähnliches, dann wäre das etwas ganz anderes und viel schwieriger. Das habe ich zum Glück nicht.“

Das Brücken-Desaster

Seit einem Jahr ist die Rahmede-Talbrücke der A45 in Lüdenscheid voll gesperrt. 365 Tage voller Verkehrschaos, Zukunftsängste und Wut liegen hinter einer Region, die kurz vor dem Kollaps steht. Betroffene aus Lüdenscheid haben uns ihre Geschichte erzählt. Anwohner, Unternehmer, Gastronomen, Pendler — sie alle haben eins gemeinsam: Das Brücken-Desaster bestimmt seit einem Jahr ihr Leben.

Vor allem Anwohner trifft das Brücken-Desaster hart. Petra und Hubert Gerbersmann haben das Verkehrschaos direkt vor ihrer Haustür in Lüdenscheid. Wie sie ein Jahr im Nadelöhr der Bedarfsumleitung erlebten. Für Verkehrsplanerin Nina Niggemann-Schulte gibt es seit einem Jahr auch nur noch ein Thema: die Brücke. Sie sagt: „Das hat dauerthaft alle Dimensionen gesprengt.“

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