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920 Gramm bei der Geburt: „Ich bin heute Astrophysiker statt Sternenkind“

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Das Foto zeigt: Ein gewöhnlicher Schnuller ist dem Reborn-Baby viel zu groß.
Das Foto zeigt: Ein gewöhnlicher Schnuller ist dem Reborn-Baby viel zu groß. © Henrike Utsch

Dr. Benjamin Semburg kam als extremes Frühchen zur Welt. Der Physiker hielt einen spannenden Vortrag über seine Erfahrungen. Auch eine Mutter berichtete.

Lüdenscheid – 89 Tage zu früh, mit einem Gewicht von gerade einmal 920 Gramm, erblickte Dr. Benjamin Semburg in den 1980er-Jahren das Licht der Welt. Als sogenanntes extremes Frühchen hätte er in früheren Jahrzehnten keine Überlebenschance gehabt. Auf der Kinderintensivstation in Wuppertal jedoch überstand er die schwierige erste Zeit und ist heute ein groß gewachsener Mann, der in seiner großen Leidenschaft, der Physik, promovierte.

920 Gramm bei der Geburt: „Ich bin heute Astrophysiker statt Sternenkind“

Seine Geschichte erzählte Benjamin Semburg den interessierten Zuschauer am Freitagabend im Logenhaus bei seinem Vortrag zum Thema „Zu früh geboren – und dann?“. Initiiert hatte er den Themenabend, bei dem auch die Vorsitzende des Bundesvereins „Das frühgeborene Kind“ e.V. aus Frankfurt, Barbara Mitschdörfer, sprach, für die Johannisloge Zum Märkischen Hammer.

Semburg erzählte zunächst von seiner eigenen Kindheit. Als eher kontaktscheuer Junge zog er sich gerne in die Science Fiction-Welt zurück und begann sich für den Weltraum, Galaxien und die Unendlichkeit zu interessieren. Für ihn bedeutet „Frühchen sein“ anders zu sein als „reif geborene“ Menschen.

Auch Barbara Mitschdörfer hat den monatelangen Krankenhausaufenthalt, die Sorgen und das Leben nach der Frühgeburt miterlebt – allerdings aus der anderen Perspektive. Sie ist Mutter eines frühgeborenen Sohnes, der heute ungefähr im Alter von Benjamin Semburg ist. Diese Erfahrung beschreibt sie sehr eindrücklich: „Man hat eine Reise in die Karibik gebucht und kommt in Afghanistan an. Man ist irgendwo falsch ausgestiegen.“

Vortragsabend zum Thema „Zu früh geboren“: Eine Mutter berichtet

Als Vorsitzende des Vereins „Das frühgeborene Kind e.V.“ setzt sie sich für die „Interessen der Allerkleinsten“ ein. Der Verein hat es sich unter anderem zum Ziel gemacht, die Frühgeborenenversorgung in Deutschland zu verbessern und die Gesellschaft mehr über die Bedürfnisse von Frühchen zu informieren. Dazu gehören Forderungen nach Familienzimmern, wenn Krankenhäuser um- oder neu gebaut werden.

Denn die Forschung habe ergeben, dass das Risiko, bestimmte psychische und physische Leiden zu festigen, bei Kindern, die im Krankenhaus von ihren Eltern mitversorgt werden, signifikant niedriger ist. Besonders Körpernähe, vertraute Geräusche und Gerüche fördern Entspannung und Bindung, die für die Entwicklung entscheidend seien, so Mitschdörfer. Auch stellt der Verein Informationsbroschüren, Elternberatung und -coaching, sowie die Vernetzung mit Experten aus der Medizin bereit.

Für Benjamin Semburg seien gerade psychische Einschränkungen eine Herausforderung. Er schilderte, wie er vor einer Exkursion zum Südpol plante, packte und mit Kollegen sprach, die die gleiche Exkursion bereits absolviert hatten. Trotzdem sei es für ihn, der im Alltag Strukturen und Routinen braucht, die ihm Sicherheit geben, eine große Überwindung gewesen, ins Ungewisse zu reisen.

Extremes Frühchen: Psychische Auswirkungen auf das erwachsene Alter

Ein ausgeprägtes Sicherheits- und Kontrollbedürfnis, schüchternes Verhalten, starke Anpassung an die Umwelt und mangelnde Konzentrationsfähigkeit seien einige Symptome, die Frühchen bis ins erwachsene Alter haben können, erklärte Semburg den Anwesenden.

In einem Arbeitskreis des Vereins „Das frühgeborene Kind e.V.“ tauscht er sich regelmäßig mit anderen Erwachsenen aus, die zu früh geboren wurden und sich als „Betroffene“ bezeichnen, weil sie psychische oder physische Einschränkungen haben. Der Arbeitskreis „Erwachsene Frühgeborene“ wurde 2018 gegründet und zählt bereits um die 100 Mitglieder, die regelmäßig Onlinetreffen veranstalten.

Letztlich fehlte dem Themenabend aber noch eine ein Vertreter aus der Medizin, der die persönlichen Erfahrungen Sembergs hätte vernünftig einordnen und auf den Stand der aktuellen Forschung hätte eingehen können. Ein Besucher merkte nämlich an: Früh geboren zu sein, könnte im späteren Leben beeinträchtigen – müsste es aber nicht. Er sehe in seinen „Päckchen“ und Charaktereigenschaften nicht zwangsläufig die zu frühe Geburt als Ursache.

In Lüdenscheid gibt es bald eine ganz andere Art von Vortrag: Der Comedian Urban Priol feiert im Kulturhaus Premiere mit seinem brandneuen Programm „Im Fluss“.

- Von Henrike Utsch

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