77-jährige Rentnerin kämpft vor Gericht um 5700 Euro

LÜDENSCHEID ▪ Eine solche Paarung, wie sie sich jetzt zutrug, besitzt Seltenheitswert vor dem Amtsgericht: Im Zeugenstand kämpfte eine 77-jährige Rentnerin um ihr Geld – rund 5700 Euro soll der Schaden betragen. Auf der Anklagebank saß eine 54-jährige Raumpflegerin und bestritt die massiven Vorwürfe, sie habe das bestehende Vertrauensverhältnis zu der alten Dame ausgenutzt.

Die Geschichte begann im Herbst 2010, als die alte Dame nach einem Sturz monatelang in Hellersen und Attendorn behandelt werden musste. Wie die 57-jährige daraufhin zu einer Vorsorgevollmacht kam, war gestern strittig. In Absprache mit der Barbara-Klinik habe die alte Dame eine Erklärung abgegeben, derzufolge sie ihrer Pflegerin umfassende Vollmachten einräumte – über Vermögenswerte, Rentenangelegenheiten, Heilbehandlungen und vieles andere mehr, behauptete die Angeklagte. „Falsch!“, erwiderte die 77-Jährige. Die umfassende Erklärung sei von ihrer Pflegerin vorbereitet worden, und sie habe gar nicht genau gewusst, was sie da unter lediglich vier Augen unterschrieb. Genausowenig wie bei der Kontovollmacht, mit der die 57-Jährige einen umfassenden Zugriff auf das Girokonto der alten Dame bekam. Die Anklage warf ihr vor, davon im Zeitraum zwischen August 2010 und Mai 2011 umfassend Gebrauch gemacht zu haben – zum eigenen Nutzen und nicht zum Wohle der alten Dame, die lediglich 500 Euro monatlich in bar abgehoben haben wollte. Den so entstandenen Schaden bezifferte die alte Dame auf rund 5700 Euro, und sie wies energisch die Behauptung der Angeklagten zurück, dass neben den 500 Euro monatlich weitere Abhebungen in ihrem Auftrag ausgeführt worden seien. Sie habe davon eingekauft und der alten Dame auch weiteres Bargeld zur Verfügung gestellt.

Gleichwohl gab die Angeklagte zu, einen Betrag von 850 Euro zur Behebung einer persönlichen Notlage abgehoben zu haben. Als die alte Dame davon gehört habe, habe sie ihr das Geld geschenkt und noch 400 Euro obendrauf gelegt. Diese Behauptung bestritt die Zeugin vehement. „Ich habe gemerkt, dass mit meinem Geld etwas nicht stimmte.“

Staatsanwalt und Gericht sahen sich schließlich außerstande, in dieser Eins-zu-Eins-Aussagesituation den Verbleib einer jeden Bargeld-Abhebung schlüssig zu verfolgen. Dies galt umso mehr, als die alte Dame scheinbar Ausgaben hatte, die sie mit 500 Euro im Monat nur schwer bestreiten konnte. So schlug der Staatsanwalt einen Kuhhandel vor, dem Richter Jürgen Leichter und seine Schöffen gerne folgten: Wenn die Angeklagte innerhalb von sechs Monaten die besonders strittigen 850 Euro plus weitere 50 Euro an die 77-Jährige zurückzahlt, wird das Verfahren endgültig eingestellt. „Ansonsten sehen wir uns hier wieder“, drohte Richter Leichter.

Damit konnte niemand so ganz zufrieden sein: „Mir fehlen tausende von Euro und nicht 850 Euro“, schimpfte die alte Dame und bereute, sich ihrerseits keinen Anwalt genommen zu haben. „Ich weiß zwar nicht wie, aber ich muss es ja schaffen“, jammerte die Angeklagte mit Blick auf die ausstehenden sechs Monatsraten. ▪ thk

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