Predigt-Exemplar liegt im Kirchenarchiv von St. Joseph und Medardus

Euthanasie-Morde unter Hitler: 60 Todesopfer in Lüdenscheid

Das Fresko am Stromverteiler Ecke Philipp- und Hohfuhrstraße zeigt die Erzählung der Bibel vom barmherzigen Samariter.
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Das Fresko am Stromverteiler Ecke Philipp- und Hohfuhrstraße zeigt die Erzählung der Bibel vom barmherzigen Samariter.

Vor 80 Jahren predigten einige Kirchenmänner mutig gegen die Euthanasie. Auch ein früherer Lüdenscheider Pfarrer war damals dabei. Dutzende Bürger der Bergstadt wurden ermordet. Matthias Wagner, Historiker und Mitglied des Vereins Gedenkzellen, erinnert an das damalige Geschehen.

Lüdenscheid - Vom Beginn des 2. Weltkriegs an bis 1941 ermordeten Nationalsozialisten mehr als 70 000 Menschen, die sie für „lebensunwert“ erklärten. Dagegen protestierte der evangelische Bischof von Württemberg, Theophil Wurm, am 19. Juli 1940 und predigte der katholische Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, am 3. August 1941. Dessen Text wurde in großer Zahl vervielfältigt und in Umlauf gebracht.

Ein Exemplar liegt im Kirchenarchiv von St. Joseph und Medardus. Darin heißt es:

„Seit einige Monaten hören wir Berichte, dass aus Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke auf Anordnung von Berlin Pfleglinge, die schon länger krank sind und vielleicht unheilbar erscheinen, zwangsweise abgeführt werden. Regelmäßig erhalten dann die Angehörigen nach kurzer Zeit die Mitteilung, der Kranke sei verstorben, die Leiche verbrannt, die Asche könnte abgeliefert werden. Allgemein herrscht der an Sicherheit grenzende Verdacht, dass diese zahlreichen unerwarteten Todesfälle von Geisteskranken nicht von selbst eintreten, sondern absichtlich herbeigeführt werden, dass man dabei jener Lehre folgt, die behauptet, man dürfe sogenanntes ‚unwertes Leben‘ vernichten, also unschuldige Menschen töten, wenn man meint, ihr Leben sei für Volk und Staat nichts mehr wert. Eine furchtbare Lehre, die die Ermordung Unschuldiger rechtfertigen will, die die gewaltsame Tötung der nicht mehr arbeitsfähigen Invaliden, Krüppel, unheilbar Kranken, Altersschwachen grundsätzlich freigibt!

[…]

Deutsche Männer und Frauen! Noch hat Gesetzeskraft der § 211 des Reichsstrafgesetzbuches, der bestimmt: ‚Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, wird, wenn er die Tötung mit Überlegung ausgeführt hat, wegen Mordes mit dem Tode bestraft.‘ Wohl um diejenigen, die jene armen Menschen, Angehörigen unserer Familien, vorsätzlich töten, vor dieser gesetzlichen Bestrafung zu bewahren, werden die zur Tötung bestimmten Kranken aus der Heimat abtransportiert in eine entfernte Anstalt. Als Todesursache wird dann irgendeine Krankheit angegeben.

[…]

Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ‚unproduktiven‘ Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden!

Wenn man die unproduktiven Mitmenschen töten darf, dann wehe den Invaliden, die im Produktionsprozess ihre Kraft, ihre gesunden Knochen eingesetzt, geopfert und eingebüßt haben! Wenn man die unproduktiven Mitmenschen gewaltsam beseitigen darf, dann wehe unseren braven Soldaten, die als schwer Kriegsverletzte, als Krüppel, als Invaliden in die Heimat zurückkehren!

Wenn einmal zugegeben wird, dass Menschen das Recht haben, ‚unproduktive‘ Mitmenschen zu töten – und wenn es jetzt zunächst nur arme, wehrlose geisteskranke trifft,–- dann ist grundsätzlich der Mord an allen unproduktiven Menschen, also an den unheilbar Kranken, den arbeitsunfähige Krüppeln, den Invaliden der Arbeit und des Krieges, dann ist der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden freigegeben.“

Nach den Kritiken wurde das geheime Mordprogramm T 14 eingestellt, aber noch versteckter die Vernichtung von mehr als 300 000 Menschen mit Behinderungen in Deutschland und den besetzten Gebieten fortgesetzt.

Einige Pfarrer, die Kritik übten, wurden als Gefangene in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Zu ihnen zählte auch Ernst Wilm, der 1929 bis 1931 an der Erlöserkirche als Pfarrer tätig war und danach in Ost-Westfalen. Nachdem er in der Silvesterpredigt 1941 seine Pfarrei über die Krankenmorde informiert hatte, wurde er bis 1945 inhaftiert.

Das Steinrelief (seinerzeit über dem ehemaligen Eingang des Krankenhauserweiterungsbaus) zeigte 1940 bis 2010 den Arzt als Herkules, der mit dem Schwert die Krankheit besiegt.

60 Lüdenscheider verloren so ihr Leben: eine Frau starb bei der Zwangssterilisation, 55 Erwachsene und vier Kinder als Opfer der Euthanasie.

Der erste Artikel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Die Achtung der Menschenrechte ist seit 1949 die Grundlage unserer Gesellschaft.

Zwei Kunstwerke des alten Krankenhauses Philippstraße zeigen den Gegensatz zwischen dem christlich-humanistischen Mediziner und dem nationalsozialistischen. Das Fresko am Stromverteiler Ecke Philipp- und Hohfuhrstraße zeigt die Erzählung der Bibel vom barmherzigen Samariter, der dem verletzten Fremden hilft und für ihn sorgt. Das Fresko wurde von dem Kunstprofessor Nida-Rümelin 1924 gemalt und müsste heute renoviert werden, weil es zerfällt.

Das Steinrelief (seinerzeit über dem ehemaligen Eingang des Krankenhauserweiterungsbaus) zeigte 1940 bis 2010 den Arzt als Herkules, der mit dem Schwert die Krankheit besiegt. Gewalt soll die Krankheit beseitigen, weniger das Wissen oder die Pflege. Der Künstler war Paul Simon. Jetzt steht der Stein in den Gedenkzellen.

Bis heute fehlt die Erinnerung an die Opfer in Lüdenscheid. Der Gedenkzellen-Verein hält es für wichtig, an der Altenaer Straße 5, wo damals das Gesundheitsamt stand, eine Tafel für die Opfer zu schaffen.

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