Zweieinhalb Jahre Haft für 545fachen Betrug

LÜDENSCHEID - Freudentränen vergoss ein 39-jähriger Lüdenscheider über ein Urteil des Landgerichts Hagen, das eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten enthielt. Doch verglichen mit der vorangegangenen Entscheidung des Amtsgerichts Lüdenscheid waren das immerhin sechs Monate weniger.

Gut, dass im deutschen Strafrecht nicht einfach addiert wird. Mit Blick auf die 545 Betrugstaten (und fünf Versuche), die unverändert in das Urteil der Berufungskammer eingingen, begann Richter Dieter Krause zu rechnen: 545 mal einen Monat, plus fünf mal 20 Tage, plus sechs und neun Monate für zwei Nötigungen plus Fahren ohne Fahrerlaubnis plus unerlaubtes Entfernen vom Unfallort.

Da kam einiges zusammen. Strittig war in der Berufungsverhandlung nur noch eine versuchte räuberische Erpressung, von der im Laufe der Beweisaufnahme nur noch die beiden Nötigungen übrigblieben. Denn weder das Opfer, noch die Zeugen hatten bestätigen können, dass der von Rechtsanwalt Axel Grüber vertretene Angeklagte den Geschädigten tatsächlich mit einem Gürtel gewürgt hatte. „Es gab keine zwei Geschichten, die übereinstimmten“, fasste Staatsanwalt Nils Warmbold das Ergebnis der Beweisaufnahme in seinem Plädoyer zusammen. „In den Details gab es riesige Unterschiede.“ Auch Richter Dieter Krause sah nur eine „kleine Schnittmenge“ der Aussagen. Immerhin schälte sich an den drei Verhandlungstagen der Kern einer versuchten Nötigung heraus. Auch der Angeklagte gab zu, dass er seiner Geldforderung gegenüber dem Opfer mit der Präsentation eines Gürtels Nachdruck verliehen hatte. Wieviel er verlangt hatte und warum, blieb offen.

Ein Beweismittel war an Aussagekraft jedoch kaum zu schlagen: In zwei bunten Notizbüchern hatte der Angeklagte die Namen von 545 geprellten Lüdenscheidern und die von ihnen jeweils erschwindelten Beträge sorgfältig festgehalten. Von Herbst 2012 bis Februar 2013 war der Lüdenscheider mit einem falschen Spendensammler-Ausweis großflächtig unterwegs gewesen und hatte behauptet, Geld für eine Behindertenwerkstatt zu sammeln. Ein großer Teil der dabei erbeuteten gut 2000 Euro landete bei seiner drogensüchtigen Freundin. Der Angeklagte war vom Leben und von exzessivem Alkoholkonsum gezeichnet. „Er hat nicht den Glanz in den Augen seiner Mutter gesehen, wenn diese ihn angeschaut hat“, fasste der psychiatrische Sachverständige Dr. Horst Sanner die Kindheit des 39-Jährigen zusammen. Die Vernachlässigung hatte Folgen – unter anderem eine umfangreiche Sammlung von Vorstrafen und langen Gefängnisaufenthalten. Begleitet von vielen Ermahnungen verließ der aus der Untersuchungshaft entlassene 39-Jährige das Gerichtsgebäude. Doch noch wartet eine Reststrafe von 18 Monaten auf ihn. - Von Thomas Krumm

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