3000 Euro statt Strafe

LÜDENSCHEID ▪ Sein linkes Bein verlor ein 41-jähriger Berufskraftfahrer am 1. Oktober 2010 bei einem schweren Verkehrsunfall auf der Talstraße. Heute verzichtete das Amtsgericht Lüdenscheid vorläufig auf ein Urteil gegen den 25-jährigen Unglücksfahrer und gab ihm stattdessen die Chance zu einer kleinen Wiedergutmachung.

Der Morgen des 1. Oktober war regnerisch, die Fahrbahn glatt. Gegen 7.40 Uhr kam der 25-jährige Halveraner von der Nachtschicht in Lüdenscheid. In der langgestreckten Linkskurve am Abzweig nach Pöppelsheim geriet er auf der Talstraße in Fahrtrichtung Brügge ins Schleudern. Wäre der Randstreifen frei gewesen, hätte die Sache glimpflich ausgehen können. Selbst ein Ausflug „ins Grüne“ wäre wohl mit einer Fahrt in die Waschanlage erledigt gewesen. Doch der Randstreifen war nicht frei: Ein 41-jähriger Berufskraftfahrer war gerade aufgestanden und putzte sich neben seinem Laster die Zähne, bevor seine Beine zwischen dem BMW des Unglücksfahrers und seinem Fahrzeug eingeklemmt wurden. Schwer verletzt blieb der 41-Jährige monatelang im Krankenhaus, sein linkes Bein musste amputiert werden.

Heute sagte der Invalide als Zeuge vor dem Amtsgericht aus und wirkte verbittert: „Jetzt sitze ich immer zuhause und habe mich noch nicht an die Situation gewöhnt, dass mein Bein weg ist.“

Der Kraftfahrzeugsachverständige Lutz Bölter konnte nicht ausschließen, dass der Unfallfahrer mit den von ihm angegebenen 75 bis 80 Stundenkilometern unterwegs war. 70 sind erlaubt am Unfallort. Zwei kleine technische Defekte stellte Bölter am Unglücks-BMW fest: Eine Schraube im linken hinteren Reifen, durch die der Luftdruck erheblich gesunken war, und eine minimale Abweichung vom Soll bei der Profiltiefe des hinteren rechten Reifens, der in der Linkskurve besonders gefragt war: Auf der inneren Lauffläche wies dieser eine Profiltiefe von 1,5 statt der mindestens vorgeschriebenen 1,6 Millimeter auf. Sicherheitstechnisch kein entscheidender Unterschied, wie der Gutachter auf Nachfrage bestätigte. „Bei Regen sind auch die gesetzlich vorgeschriebenen 1,6 Millimeter zu wenig.“

So kassierte Amtsrichter Andreas Lyra schon bald den Anklagepunkt des „grob verkehrswidrigen und rücksichtslosen Verhaltens“ und stellte die Strafverfolgung wegen fahrlässiger Körperverletzung zurück. Stattdessen bemühte er sich mit Verteidiger Dirk Löber und dem Angeklagten um einen Täter-Opfer-Ausgleich. Gegen die Zahlung von 3000 Euro an das Opfer wird aus der vorläufigen Einstellung des Gerichtsverfahrens eine endgültige. Ein winziger Trost neben dem erhofften Schadensersatz von der Versicherung. ▪ thk

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