2500 Paletten, zweite Wahl, je sechs Euro

LÜDENSCHEID ▪ Die Sonne scheint, ein langes Wochenende steht bevor, Ostern naht – und ein Mammutprozess mit zwei Angeklagten und 18 Zeugen. Amtsrichter Jürgen Leichter hat ernsten Gesichtes einen großen Einkaufskorb voller Akten auf seinem Tisch platziert. 44 Diebstähle gilt es zu verhandeln. Europaletten, zweite Wahl, sind verschwunden, ein paar tausend Stück. 25 Minuten vor Prozessbeginn aber ruft einer der Angeklagten an. Seine Tochter sei krank – Grippe und Menstruationsprobleme. Und er sei alleinerziehend.

Das zählt als Entschuldigung nicht. Staatsanwalt Michael Burggräf beantragt eine Vorführung für den nächsten Termin. Der Komplize des säumigen Angeklagten wirkt entspannt, er lächelt und plaudert mit Tekin Özbey, dem Türkisch-Dolmetscher. Strafverteidiger Andreas Trode zieht sich derweil mit den Richtern und dem Staatsanwalt zu einem Gespräch zurück.

Das Ergebnis der zwanglosen Unterredung hinter verschlossener Tür passt zur Frühlingsstimmung vor den Fenstern – und sorgt für eine drastische Verkürzung der Angelegenheit. Es geht endlich los. Der Angeklagte, 39 Jahre alt und arbeitslos, legt ein Geständnis ab. Aber nur im Hinblick auf 25 der 44 angeklagten Diebstähle.

Acht Monate lang haben die beiden krumme Geschäfte gemacht. Der eine, in einem Außenlager eines Lüdenscheider Unternehmens tätig, hat Europaletten bestellt, immer wieder. Der andere, damals noch selbstständiger Fuhrunternehmer, ist dann immer wieder mit einem gemieteten Lastwagen vorgefahren, hat jeweils rund 100 Paletten aufgeladen und – so vermutet der Staatsanwalt – verhökert. „Für etwa sechs Euro das Stück“, rechnet Richter Leichter. Macht 15 000 Euro. „Ein ganz schön hoher Schaden.“

Die Zeugen brauchen nicht auszusagen. Die Akten in der Einkaufskiste bleiben zugeklappt. Jetzt geht alles ganz schnell. Ein Blick auf die Uhr. Lebenslauf des Angeklagten, gleich noch das Vorstrafenregister hinterher – fertig. „Das Gericht zieht sich dann zur Beratung zurück“, sagt der Richter. Doch Andreas Trode unterbricht zaghaft lächelnd. „Äh, wollen wir vorher nicht noch plädieren?“ Beinahe vergessen. „Ja, dann bitte ich jetzt um die Plädoyers.“

Staatsanwalt Burggräf beantragt zwei Jahre mit Bewährung und 100 Sozialstunden. Das Gericht folgt dem Antrag in vollem Umfang. Die Sonne scheint immer noch, das lange Oster-Wochenende kann endlich kommen.

Olaf Moos

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