Schläger vor Gericht: „Er hat wie verrückt geweint“

LÜDENSCHEID - Es wird zusehends eng für den schweigsamen Angeklagten. Die Reihe der Zeugen, die den mutmaßlichen Erpresser und Schläger schwer belasten, will einfach nicht enden. Und der Ton vor der 9. Strafkammer wird schärfer.

Verteidigerin Lena Retschkemann aus Köln legt sich für ihren Mandanten mächtig ins Zeug, eckt aber mit ihrer emotionalen Vernehmungsweise und falschen Vorhalten beim Vorsitzenden Richter und der Staatsanwältin immer wieder an.

In den Zeugenstand tritt die Mutter eines schwer misshandelten 21-jährigen Altenpflegehelfers. Er hatte dem Gericht Mitte April geschildert, welche Torturen er erlitten hat und wie ruinös es für ihn war, für den Angeklagten immer neue Handyverträge abschließen zu müssen. Seine Mutter, eine 40-jährige Frührentnerin, kennt den Angeklagten nicht – „nie gesehen!“. Aber sie erinnert sich an einen besonderen Abend.

Da kam ihr Sohn nach ein paar Tagen Abwesenheit zurück nach Hause. Beide Augen zugeschwollen, „das ganze Gesicht blau und grün“ und eine handballgroße Prellmarke am Oberkörper. Er habe erzählt, so die Mutter, dass ihn fünf bis sieben Männer auf der Bahnhofstraße in der Nähe der Christuskirche mit Gewalt in ein Auto gezerrt und ihn in einen Keller geschleppt hätten. Die Mutter: „Er hat wie verrückt geweint und ist dann eine ganze Woche im Bett geblieben.“

Die Prozessbeteiligten erfahren weitere bedrückende Details von der Mutter und der kleinen Schwester. Offenbar hatte der junge Mann panische Angst vor dem Angeklagten. Damit der ihn nicht weiter erpressen und ausbeuten kann, zerschnitt der Altenpflegehelfer seine eigene Scheckkarte mit einer Schere. Die Telefonanbieter schickten weiter ihre Rechnungen an ihn.

Und weil er Mutter und Schwester vor den Peinigern beschützen wollte, meldete er sich bei der Caritas obdachlos und tauchte bei Freunden unter – jede Nacht woanders. Die Männer suchten ihn hartnäckig. Die Mutter: „Einmal stand ein Wagen mit zwei Männern 24 Stunden lang vor unserem Haus. Die haben auf ihn gewartet.“

Die zunehmenden Depressionen und Weinkrämpfe ihres Sohnes zwangen die besorgte Mutter zum Handeln. „Ich habe eine Psychologin geholt.“ Die Schwester sagt unter Tränen: „Er war ein komplett anderer Mensch geworden.“

Lena Retschkemann sucht Schwachstellen in den Aussagen, wird energisch und löchert die Mutter des Opfers. Richter Krause geht lautstark dazwischen. „Das verbitte ich mir. Lassen Sie die Emotionen hier raus!“ Der Angeklagte schweigt weiter. Ein Ende des Prozesses scheint noch weit entfernt zu sein.

Die Verhandlung wird am 16. Mai um 13 Uhr fortgesetzt.

Olaf Moos

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