Wiedersehensfreude und Sorgen

200er-Inzidenz, aber Schulöffnung: Stimmung bei Schülern und Lehrern zwiespältig

Pausenhof mit Schülern
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Riskante „Zusammenrottungen“ auf dem Schulhof – unser Bild zeigt das Gelände des Zeppelin-Gymnasiums – sollen vermieden werden. Notfalls weisen Lehrer in der Pausenaufsicht die Kinder und Jugendlichen auf die Einhaltung der Abstandsregeln hin.

„Na klar, ich habe mich gefreut, die Jungs und Mädels aus meiner Klasse wieder zu sehen. Aber dass es ausgerechnet dann los geht, wenn wir eine Rekord-Inzidenz haben – ist schon drollig.“ Die Schülerin des Zeppelin-Gymnasiums (sie will namentlich nicht genannt werden) drückt aus, was wohl in vielen Lüdenscheider Familien das Wochenend-Thema war. Und gibt die Stimmung an den Schulen wieder – bis hoch in die Rektorenzimmer.

Lüdenscheid - Der Chef des Bergstadt-Gymnasiums (BGL), Dieter Utsch, hat die Wiedersehensfreude bei seinen Schützlingen gespürt, „aber bei den Älteren nimmt man deutlich Sorgen wahr“. Und auch in seinem Kollegium hat Utsch nach eigenen Worten von „riesigen“ Befürchtungen gehört. „Die wohnen ja teilweise in Orten mit einer Inzidenz von 50 oder weniger und müssen in Lüdenscheid arbeiten.“

Er habe seine eigene Tochter auch zur Schule schicken müssen, „sorgenvoll und mit Respekt“, so Dieter Utsch. Der so genannte Hybrid-Unterricht findet nach Auskunft des Schulleiters am BGL „kaum“ statt, „wir haben einfach zu schlechte Leitungen hier“.

„Für die jüngeren Schüler steht Kontaktpflege im Vordergrund“

Lernen auf Distanz gerät auch nach Meinung von Maren Schwarzelmüller, stellvertretende Leiterin der Richard-Schirrmann-Realschule (RSR), für ihre 500 Schützlinge angesichts der aktuellen Öffnung „ins Hintertreffen. Wir haben hier weder W-Lan noch Endgeräte“. Die beiden jüngsten Jahrgänge kommen an zwei Wochentagen zum Unterricht, die drei mittleren einmal pro Woche und der Abschlussjahrgang dreimal. Vor allem für die Kleinen steht laut Schwarzelmüller „die Kontaktpflege im Vordergrund“. Trotzdem habe sie angesichts der Infektionsraten in Lüdenscheid „echte Bauchschmerzen, und von Schnelltests ist weit und breit nichts zu sehen“.

Über eine gute technische Ausstattung und eine „große W-Lan-Abdeckung“ in seiner Schule freut sich der kommissarische Leiter des Zeppelin-Gymnasiums (ZGL), René Jaques – einerseits. Andererseits macht der Chef über 57 Lehrkräfte auf eine „deutliche Mehrbelastung“ seines Personals durch den Hybrid-Unterricht aufmerksam. Es sei aufwendig, Aufgaben für die Schüler im Klassenraum und diejenigen, die zuhause arbeiten, gleichermaßen „so zu konzipieren, dass sie ohne Hilfe erledigt und zuverlässig korrigiert werden können“.

Auch Jaques ist Vater eines Schülers, den er am Morgen „mit leichtem Unbehagen“ in den Präsenzunterricht verabschiedet habe, aber er ist überzeugt: „Die freuen sich wie Bolle!“ Am „Zepp“ jedenfalls könnten die Abstände gut eingehalten werden, „und die Kinder sind sehr diszipliniert und beachten strikt die Regeln“.

Schichtbetrieb in der Theodor-Heuß-Realschuie

An der Theodor-Heuss-Realschule (THR) im Wefelshohl gibt es unter den knapp 700 Schülern kein Gedrängel. Dafür sorgt das Konzept von Schulleiterin Christiane Langs-Blöink, nach dem sich stets nur ein Viertel ihrer Schützlinge gleichzeitig in der Schule verteilt. 160 bis 170 Kinder absolvieren drei Schulstunden ohne Pause. Eine dreiviertel Stunde nachdem sie weg sind, kommt der nächste „Schwung“. So laufen sich die Gruppen nicht gegenseitig über den Weg.

Auch wenn sich der digitale Unterricht an der THR laut Langs-Blöink „eingespielt“ hat und das Schichtsystem Sicherheit verspricht, hält die Schulleiterin die Öffnung bei einer Inzidenz von 200 für „ein bisschen skurril“, wie sie sagt.

BGL-Schulleiter Utsch hat seine Bedenken in der vergangenen Woche in einem Elternbrief formuliert. Darin schreibt er: „In diesen Tagen denke ich häufig an eine Keunergeschichte von Bertolt Brecht, in der es heißt: ,Woran arbeiten Sie?’ wurde Herr K. gefragt. Herr K. antwortete: ,Ich habe viel Mühe, ich bereite meinen nächsten Irrtum vor’.“ Doch er sei optimistisch, dass unter anderem Schnelltests dazu beitragen, die Lage zu verbessern.

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