1971: Tunnelbau lässt Fußgängerzone explodieren

Im November 1971 sind die Grundplatte für den Tunnel und das Fundament für die Mittelwand auf einem großen Stück gegossen.

LÜDENSCHEID - Mehr als zwei Jahre lang herrscht Anfang der 70er Jahre Ausnahmezustand in Lüdenscheids Innenstadt: 1971 verwandelt sich das Zentrum in eine Großbaustelle, wächst aus einer Riesenbaugrube der vierspurige Rathaustunnel, hat sich nach der offiziellen Einweihung am 28. Oktober 1973 die Fußgängerzone von 7000 auf stolze 20 000 Quadratmeter vergrößert.

Von Wolfgang Kleinfeld

Der runde 40. Geburtstag der Tunneleröffnung ist Grund genug, einen Blick zurück auf diese spannende Phase der Stadtentwicklung zu werfen:

Das Ziel des Mammutprojekts umreißt Bürgermeister Herbert Weigert bei der Einweihungsfeier mit bildhaften Worten: „Die Blechlawine muss gebändigt werden und, wo nötig, unter die Erde gezwungen, die Fußgängerzone hingegen erweitert werden.“

Dies wird auch in einer Sonderveröffentlichung der Lüdenscheider Nachrichten zum Eröffnungswochenende deutlich. Da heißt es: „Die wichtigste Folge des Tunnelbaus ist jedoch die Befreiung des Straßensterns, des Rathausvorplatzes und eines Teiles der Niemöllerstraße vom Verkehr. Die Schaffung einer großen mit der Wilhelmstraße zusammenhängenden Fußgängerzone ist das eigentliche Ziel dieser Planung gewesen. Mit Beginn der Tunneleröffnung wird der Fußgänger ungestört von der Friedrichstraße bis zur Wilhelmstraße das Herz der Stadt Lüdenscheid durchstreifen können, ohne sich vom Verkehr belästigt zu fühlen.“

Zudem spielt auch die Gesamtverkehrsführung im und um den Kernbereich der Innenstadt eine gewichtige Rolle. Auf dem Weg zur Lösung der innerstädtischen Verkehrsprobleme ist der Bau des Rathaustunnels nur ein erster Bauabschnitt. Dazu heißt es in der Sonderveröffentlichung vom 26. Oktober 1973: „Erst in Verbindung mit einem zweiten Bauabschnitt, der den Durchbruch von der Weststraße zur Knapper Straße und vom Platz vor der Christuskirche zur Weststraße vorsieht, wird für den Verkehr in der Innenstadt ein optimales Ergebnis erzielt. Dann wird es möglich sein, alle Hauptverkehrsstraßen in beiden Richtungen befahren zu können.“

Rathaustunnel vor 40 Jahren eingeweiht

Festgestellt wird aber auch, dass bereits der Bau des Tunnels wesentliche Verbesserungen für den Straßenverkehr mit sich bringen wird. „So wird es in Zukunft nicht mehr einen Verkehrsknotenpunkt wie den Straßenstern in der Stadt geben, über den der gesamte innerstädtische Verkehr gelenkt werden muss. Vielmehr bieten die beiden Knotenpunkte beiderseits des Tunnels günstige Verflechtungsmöglichkeiten für alle Fahrtrichtungen.

Besonders günstig wird der Verkehr von der Kölner Straße zur Altenaer Straße und zurück über die Tunnelstrecke geführt. Anstelle der bisherigen Führung über die Niemöllerstraße, Knapper Straße und Börsenstraße können nunmehr die Fahrzeuge über die Tunnelstrecke im Zuge einer grünen Welle reibungslos von der einen zur anderen Straße gelangen.

Solange die Einbahnregelung in der Weststraße und Bahnhofstraße aufrechterhalten werden muss, wird die Tunnelstrecke zudem eine größere Bedeutung für solche Fahrzeuge haben, die wegen dieser Einbahnregelung die Innenstadt durchqueren müssen. So wird der Verkehr von der Sauerfelder Straße zur Bahnhofstraße und auch der Verkehr von der Humboldtstraße zur Weststraße und Kölner Straße in relativ reibungsloser Form durch die Tunnelstrecke geführt.“

Mit der radikalen Änderung der Verkehrssituation in der Innenstadt will die Stadtverwaltung die Kraftfahrer nicht allein lassen. Vom Eröffnungswochenende an verteilt sie mehrere Tage lang 50 000 Flugblätter an die Autofahrer, um sie mit der neuen Verkehrsführung bekannt zu machen.

Lüdenscheider Nachrichten zur Eröffnung 1973

Montag, 29. Oktober 1973, 1. Lokalseite:

„Viele waren gekommen – neben den Offiziellen Hunderte von Bürgern – um am sonnenüberstrahlten letzten Oktober-Wochenende dabei zu sein, wenn im Rahmen eines Feieraktes der Rathaustunnel für den Verkehr freigegeben wurde. Mancher Autofahrer wartete die Übergabe gar nicht erst ab. Er benutzte schon vorher das neue Bauwerk, um die damit verbundene neue Verkehrsführung zu erproben.

Unter den Offiziellen sah man Lüdenscheids Ehrenbürger und letzten Oberbürgermeister, Erwin Welke, den Vizepräsidenten des Landtages NRW, Dr. Fritz Vogt, die Landtagsabgeordneten Peter Hamel und Heinz Chmill, den Staatssekretär und früheren Oberstadtdirektor von Lüdenscheid, Dr. Tellermann, den Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Hoffmann, Landesplaner Langer, Leitenden Landesbaudirektor Schmidt, Oberkreisdirektor Droste und seine Kollegen, den hiesigen Standortkommandanten der belgischen Garnison und die Offiziere seines Stabes, die Vertreter von Handel und Gewerbe und von Rat und Verwaltung sowie der Baufirmen.“

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