Ärger nach Krankenhaus-Aufenthalt

100-Jährige wegen Corona allein im Klinikum: Teure Geräte weg

Im Klinikum Hellersen verschwanden teure Geräte einer 100-jährigen Seniorin. Zahlen möchte den Schaden niemand.
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Im Klinikum Hellersen verschwanden teure Geräte einer 100-jährigen Seniorin. Zahlen möchte den Schaden niemand.

Eine 100-jährige Schalksmühlerin musste ins Klinikum Hellersen nach Lüdenscheid - wegen Corona allerdings allein. Als die demente Seniorin nach Abschluss zur Behandlung wieder ins Seniorenheim zurückkehrt, sind teure Geräte, die sie dabei hatte, verschwunden. Den Schaden zahlen will niemand.

  • Eine 100-jährige Seniorin mit Demenz muss wegen Corona ins Klinikum.
  • Dort verschwinden teure Hörgeräte.
  • Die Versicherung will nicht zahlen.

Lüdenscheid - Die Geschichte von Frieda Pätsch und ihren Erfahrungen im Klinikum in Hellersen erzählt ihr Sohn Gerwart nicht, um eine Anklage gegen das Klinikum zu erheben. „Ich habe selbst eine Einrichtung der Jugendhilfe geleitet. Ich kenne Personalknappheit und die daraus entstehenden Überforderungen aus der Praxis. Ich weiß, dass so etwas passieren kann“, sagt der Sozialpädagoge in seinem Wohnzimmer in Heedfeld.

Pätsch – ehemaliger Vorsitzender des Stadtmarketing in Schalksmühle und aktuell SPD-Kandidat für den Gemeinderat – ist ein rüstiger Endsiebziger, ein freundlicher älterer Herr. Aber nun ist der Schalksmühler nachhaltig verstimmt: Der Fortgang der Geschichte hat ihn so ärgerlich gemacht, dass er beschlossen hat, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Gerwart Pätschs Mutter Frieda lebt im Seniorenpark Reeswinkel in Schalksmühle – sie ist dort die älteste Bewohnerin. Geburtsjahr 1919. „Pflegegrad 4, fast gehörlos und dement“, erklärt Gerwart Pätsch in seinen Ausführungen. Das „Fast“ bei der Gehörlosigkeit kann er aktuell streichen. Frieda Pätsch fehlen zum Hören im Moment die Hilfsmittel. Sie sind nach einem Krankenhaus-Aufenthalt am 29. Juli in Hellersen geblieben. Die zwei Hörgeräte sind seit ihrer Rückkehr aus Hellersen in den Volmeort verschollen.

Mit einer DRK-Krankenfahrt war Frieda Pätsch am 29. Juli nach Hellersen gebracht worden. „Nach Aussagen der Mitarbeiter im Seniorenheim und des zuständigen DRK-Mitarbeiters waren die beiden Hörgeräte beidseitig eingesetzt“, erklärt Gerwart Pätsch, „beim ersten Gespräch mit einer Ärztin in der Aufnahme machten wir diese auf die Hörgeräte aufmerksam. Die Ärztin versicherte, dass sie darauf achten und es entsprechend weitergeben würde. Auch bei weiteren Hinweisen auf die Hörgeräte auf der Station wurde uns nichts über nicht vorhandene Geräte gesagt.“

Entlassen wurde die Seniorin dann allerdings ohne die beiden Hörgeräte. Aufgrund der Corona-Beschränkungen hatte Gerwart Pätsch seine Mutter im Krankenhaus nicht begleiten dürfen. Nun war die Mutter zurück, aber sie hörte nichts mehr, ihr ohnehin nicht einfacher Alltag war zusätzlich beeinträchtigt. Es folgten Telefonate mit Schwestern. Die Geräte aber blieben verschwunden. Die Dinge gingen ihren Gang – Gerwart Pätsch machte Schadensersatzansprüche gegenüber dem Krankenhaus geltend, die Märkische Gesundheitsholding gab die Forderung an die GVV-Kommunalversicherung VVaG weiter.

Der Haftpflichtversicherer meldete sich mit einem Schreiben am 10. August bei Gerwart Pätsch. Ein Schreiben, das Pätsch auch Wochen danach noch sprachlos macht. „Der Krankenhausträger ist weder verpflichtet noch in der Lage, die von Patienten in die Krankenzimmer eingebrachten persönlichen Sachen zu bewachen. Für den Verlust haftet der Krankenhausträger daher grundsätzlich nicht“, heißt es in dem Schreiben, „unser Mitglied hat keine Hörgeräte in Verwahrung genommen. Es ist zudem auch nicht nachgewiesen, dass die Hörgeräte ins Haus unseres Mitglieds mitgebracht wurden. Wir müssen deshalb ihre Schadensersatzansprüche als unbegründet zurückweisen, wofür wir um Verständnis bitten.“

Pätsch hat dieses Verständnis nicht. „Es ist einfach nicht zu verstehen, wie solche organisatorischen Dinge überhaupt in Krankenhäusern vorkommen können. Ich möchte auch nicht das engagierte Personal angreifen oder schlecht machen, es geht hier einfach um Verfahrensweisen, die nicht tragbar sind“, sagt Pätsch, für den es in Hellersen der zweite Fall dieser Art war. 2019 war seine Mutter im Rollstuhl ohne Schuhe auf die Krankenfahrt zurück nach Reeswinkel geschickt worden. Die Schuhe tauchten zwei Wochen später wieder auf, sie wären leichter zu ersetzen gewesen.

Dass seine Mutter, die am 19. September 101 Jahre alt wird, aktuell nichts hören kann, ist nicht so leicht abzustellen. Dass der Eigenanteil bei der Neuanschaffung der Hörgeräte bei 600 Euro liegt, ist kein Pappenstiel. Gerwart Pätsch hat inzwischen bei der Krankenversicherung nachgehört – es gibt Signale, dass die Kosten womöglich übernommen werden könnten. Die Herausforderung mit dem Besuch einer Dame dieses Alters beim Ohrenarzt und Hörakustiker aber bleibt. Und der Ärger und die Enttäuschung darüber, wie ein Krankenhaus und ein Versicherer mit einer 100-Jährigen umgegangen sind.

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