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„Schwarzes Loch“ Holocaust: Historiker will Licht ins Dunkel bringen

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Von: Volker Griese

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Hans-Ulrich Dillmann ist Journalist und Buchautor und hat über die Judenverfolgung in Werdohl geforscht.
Hans-Ulrich Dillmann ist Journalist und Buchautor und hat über die Judenverfolgung in Werdohl geforscht. © Volker Griese

Welche Rolle hat die Judenverfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus eigentlich in Werdohl gespielt? Wieviele Juden aus der Stadt an Lenne und Verse sind den Shoah zum Opfer gefallen? Wie sind Werdohler Juden ihren Häschern möglicherweise entkommen? Was ist aus ihnen geworden? Das sind Fragen, denen der Journalist und Buchautor Hans-Ulrich Dillmann nachgegangen ist. Das Ergebnis seiner Forschungen liegt jetzt vor.

Werdohl – Forschungen über die Judenverfolgung durch das Regime Adolf Hitlers sind für Hans-Ulrich Dillmann längst kein Neuland mehr. Seit Jahren beschäftigt er sich mit den Schicksalen von Menschen, die dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen sind. „Ich bin ein Alt-Achtundsechziger, deshalb ist das natürlich ein Thema, das mich, das uns bewegt hat: die Auseinandersetzung mit der Generation unserer Väter und Mütter“, erklärt Dillmann, warum ihn das Thema nicht loslässt. Als Journalist hat er zudem über Prozesse gegen die Täter von damals berichtet, dabei Einblicke bekommen in die dunklen Abgründe der menschlichen Natur, in die grausamen Taten, die letztlich rund sechs Millionen Menschen das Leben gekostet haben.

„Ballermann der Karibik“

Im Rahmen seiner journalistischen Arbeit in Lateinamerika ist er auf die Geschichte von Sosúa in der Dominikanischen Republik gestoßen. Der Touristenort, der heute als „Ballermann der Karibik“ Sinnbild für nahezu zügelloses Vergnügen ist, wurde einst von jüdischen Auswanderern aus Deutschland und Österreich gegründet. Diktator Trujillo hatte sie nach der Konferenz von Évian 1938 ins Land geholt – keineswegs uneigennützig, sondern vielmehr, um eine rassische Aufhellung der Bevölkerung zu erzielen. Zusammen mit der Historikerin Susanne Heim hat Dillmann über diesen Teil der Geschichte ein Buch geschrieben: „Fluchtpunkt Karibik – Jüdische Emigration in die Dominikanische Republik“ (2009 erschienen im Ch. Links Verlag).

Sein Gespür für Biografien und deren Verknüpfung mit historischen Ereignissen, aber auch die im Zuge der Recherchen erschlossenen Quellen kamen Dillmann auch bei seinen späteren Nachforschungen unter anderem in Lüdenscheid und jetzt in Werdohl zugute. Das Holocaust-Museum Yad Vashem beispielsweise hat seine Archive vor einigen Jahren für Internet-Recherchen geöffnet, und auch das US-amerikanische Holocaust Memorial Museum (USHMM) stellt online Material über die Judenverfolgung zur Verfügung. „Solche Recherchen wären ohne das Internet überhaupt nicht möglich“, sagt Dillmann deshalb.

Zeitungsanzeige als Auslöser

Auf die Schicksale von Werdohler Juden ist er aber durch eine Zeitungsanzeige im Süderländer Volksfreund aufmerksam geworden. In Auftrag gegeben hatten die Annonce anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar 2021 die Israelfreunde Werdohl und Halver. Darin aufgeführt waren die Namen von vier Werdohler Opfern der Shoah, wie der Völkermord in Israel und dem Judentum bezeichnet wird: Yoel (oder Joel) Glass, Pauline Lennhoff, Paul Schlesinger und Wilhelm Guido Schlesinger.

Diese vier Namen weckten Dillmanns Interesse: Sollten in Werdohl tatsächlich nur diese vier Menschen jüdischen Bekenntnisses Opfer der Nationalsozialisten geworden sein? Eine Nachforschung im Stadtarchiv bestätigte Dillmanns Skepsis: Dort gab es eine Liste mit den Namen von zwölf Personen jüdischen Glaubens, die 1946 auf Anordnung der alliierten Militärregierung erstellt worden war. Diese Liste war Ausgangspunkt für Dillmanns Recherche über die Lebens- und Leidensgeschichten der während der Nazizeit verfolgten, ausgegrenzten, vertriebenen, deportierten, inhaftierenden und/oder ermordeten Werdohlerinnen und Werdohler. Er versuchte herauszufinden, was diesen Menschen, die während der Zeit der Nazi-Diktatur in Werdohl gelebt haben oder geboren wurden, widerfahren ist.

Dass die NSDAP auch in Werdohl Zulauf hatte, zumindest aber auf viele Mitläufer bauen konnte, zeigt dieser Aufmarsch von Nationalsozialisten im Versetal etwa 1935.
Dass die NSDAP auch in Werdohl Zulauf hatte, zumindest aber auf viele Mitläufer bauen konnte, zeigt dieser Aufmarsch von Nationalsozialisten im Versetal etwa 1935. © Kreisarchiv MK F443

Dillmann stellte schnell fest, dass man keine einzige Person auf der Liste wirklich als Juden habe bezeichnen können. Sie hätten zwar jüdische Vorfahren gehabt, seien aber eigentlich protestantische Christen mit jüdischen Wurzeln gewesen, hat er herausgefunden. Vor einer Verfolgung durch die Nazis hat sie das aber nicht bewahrt.

Später Werdohler Bürgermeister

Das gilt zum Beispiel für den späteren Lüdenscheider Oberstadtdirektor Hans Born aus Halver, der allerdings erst nach Ende der Nazi-Diktatur nach Werdohl kam und dessen Mutter aus einer jüdischen Familie stammte, der aber selbst evangelisch getauft war. Als „Halbjude“ wurde ihm das berufliche Fortkommen erschwert, er wurde inhaftiert, aber wieder freigelassen. Nach dem Krieg wurde er für kurze Zeit, von Oktober 1945 bis Januar 1946, Werdohler Bürgermeister.

Heinrich Filthaus (1881 bis 1967).
Heinrich Filthaus (1881 bis 1967). © Archiv MZV

Schlimmer hatte Dillmanns Forschungen zufolge Hermann Filthaus unter den Repressalien der Nazis zu leiden. Er war Gewerkschaftler und Mitglied der SPD – und der NSDAP schon allein deshalb ein Dorn im Auge; außerdem stammte seine Mutter aus einem jüdischen Haushalt. „Aufgrund einer Denunziation wurde der ,rote Filthaus’, wie er in Werdohl bekannt war... von der Gestapo verhaftet und in das Polizeigefängnis Werdohl eingeliefert“, schreibt Dillmann. Später landete er im berüchtigten Dortmunder Gestapo-Foltergefängnis Steintor, wurde aber schließlich „wegen Mangel an Beweisen“ freigelassen. Später wurde Filthaus, der auch passionierter Kaninchenzüchter war, der erste gewählte ehrenamtliche Bürgermeister Werdohls nach dem Zweiten Weltkrieg.

Gescheiterter Fluchtversuch

Während Born und Filthaus den Nazi-Terror überlebt haben, musste Joel Glass mit dem Leben bezahlen. Wann der gebürtige Pole, der den Nazis als „Volljude“ galt, nach Werdohl kam, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren, wohl aber, dass er verhaftet und am 16. September 1939 ins Dortmunder Polizeigefängnis Steinwache eingeliefert wurde. Ein Fluchtversuch nach Belgien war vorher gescheitert. Glass wurde schließlich Anfang 1940 „als Jude und Politischer“ in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Den Lageraufenthalt überlebte er gerade einmal einen Monat, bis er am 13. Februar 1940 aller Vermutung nach ermordet wurde.

Ein gebürtiger Werdohler war Walter Grammel. Wie laut Dillmanns Forschungen etwa ein halbes Dutzend anderer Werdohler Bürger war er zwar evangelisch getauft, galt aber nach der nationalsozialistischen Rassenlehre als „jüdischer Mischling“. Er wurde bei der „Aktion Gewitter“, einer umfassenden Verhaftungsaktion der Gestapo nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944, an seinem Arbeitsplatz verhaftet und in ein Zwangsarbeiterlager in Kassel gebracht. Von dort konnte er in den letzten Kriegstagen fliehen. Grammel überlebte also und kehrte nach Werdohl zurück, wo er 1967 starb.

Odyssee durch die Polizeigefängnisse

Simon Ludwig Hamberg, der mit seiner Familie seit 1919 in Kleinhammer lebte, war ein Kind jüdischer Eltern und geriet deshalb ins Fadenkreuz der Nazibürokratie, obwohl er zum evangelischen Glauben übergetreten war. Er wurde Mitte 1943 verhaftet, anschließend in Kamen als Zwangsarbeiter eingesetzt, ehe für ihn eine Odyssee durch die Polizeigefängnisse des Deutschen Reiches begann und er schließlich im Dezember 1944 im KZ Theresienstadt landete. Bei der Übergabe des KZ durch die SS an das Internationale Komitee vom Roten Kreuz im Mai 1945 war Hamberg schwer krank, aber er hatte überlebt. Er starb 1962 in Werdohl. Auch andere Mitglieder der Familie Hamberg hatten aufgrund ihrer Herkunft unter den Nazis zu leiden, überstanden diese Zeit aber bis auf eine Ausnahme – Rudolf Hamberg starb als Zwangsarbeiter – lebend.

Die Plettenberger Familie Heldenmuth geht am 13. Mai 1939 in Hamburg mit ihrer am 9. Juni 1938 in Werdohl geborenen Tochter Lilo an Bord der MS St. Louis, um auszuwandern.
Die Plettenberger Familie Heldenmuth geht am 13. Mai 1939 in Hamburg mit ihrer am 9. Juni 1938 in Werdohl geborenen Tochter Lilo an Bord der MS St. Louis, um auszuwandern. © USHMM / Max Reid

Wiederum andere Werdohler entkamen ihren Häschern, indem sie rechtzeitig auswanderten. Zum Beispiel Lilo Heldenmuth, 1938 in Werdohl geborene Tochter des jüdischen Ehepaares Alfred und Selma Heldenmuth aus Plettenberg. Sie flüchteten 1939 vor den Nazis zunächst in die USA, landeten aber nach einem Umweg über Kuba schließlich in Großbritannien. Lilo Heldenmuth wanderte später doch noch in die USA aus, studierte dort Biologie und Chemie, heiratete und lebt heute in der Nähe von Chicago im Bundesstaat Illinois.

Ebenfalls in Werdohl geboren, und zwar am 19. Juni 1883, ist Pauline Lennhoff, deren Eltern mosaischer Religion waren. Sie arbeitete in den 1920er-Jahren unter anderem in Detmold, Bielefeld, Saarlouis und Elberfeld und kehrte im August 1930 wieder in ihr Elternhaus zurück. Ihr Vater Heinemann („Hermann“) Lennhoff starb am 29. Januar 1933, also einen Tag vor Hitlers Machtergreifung, ihre Mutter Fanny Lennhoff 1941 in einem „Judenhaus“ in Bielefeld. Zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Berta wurde Pauline Lennhoff am 29. Juli 1942 ins jüdische Ghetto Theresienstadt abtransportiert. Berta starb dort mit gerade einmal 51 Jahren den „Herztod“. Pauline wurde im Januar 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort aller Vermutung nach direkt ermordet.

Weitere Recherchen angekündigt

Wie die Schicksale dieser sieben teils unbekannten Menschen hat Dillmann auch die Lebens- und Leidenswege anderer, teils bekannterer Werdohler nahezu minutiös, auf jeden Fall aber sehr detailliert nachgezeichnet. Darunter sind auch die Industriellen Paul und Wilhelm Schlesinger, die in Köln beziehungsweise Auschwitz ums Leben kamen und denen in Werdohl seit 1995 eine Straße gewidmet ist. Oder der Fotograf Rudolf Plisch, dessen Schaukästen in Werdohl mit antisemitischen Parolen beschmiert und zerstört wurden.

Hans-Ulrich Dillmann, der seine Forschungsergebnisse dem Stadtarchiv zur Verfügung gestellt hat, will übrigens in Werdohl weiter recherchieren: über zwei Roma, die in Auschwitz ermordet wurden, und über ein Euthanasie-Opfer. „Ein schwarzes Loch etwas auszuleuchten“, sei seine Motivation, sagt er und verspricht: „Ich werde mich um diese Menschen kümmern.“

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