Zweiter Tag im Messerstecher-Prozess

Chirurg sagt aus: "Hätte unbehandelt zum Tode geführt"

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Landgericht Hagen

Werdohl/Hagen - Einen Grundkurs über die Anatomie des Bauchraums lieferte gestern im Landgericht jener Oberarzt des Klinikums Hellersen, der das Opfer der Messerattacke in der Zuwanderer-Unterkunft hatte flicken müssen.

Der tief gehende Stich war vom Rücken aus durch die Niere und die Bauchspeicheldrüse bis in die untersten Regionen der Lunge gegangen. Das Tatmesser hatte eine 20 Zentimeter lange Klinge. Zehn Zentimeter hätten für einen solchen Schnitt nicht ausgereicht, deutete der Zeuge die erhebliche Wucht an, mit der der Angeklagte zugestochen hatte. Wie gefährlich das war, machte der Chirurg unmissverständlich deutlich: „Wir müssen davon ausgehen, dass die Verletzung unbehandelt zum Tode geführt hätte.“ 

Der Grund war vor allem der große Blutverlust des Opfers durch die Verletzungen der inneren Organe: „Wir haben etwa zwei Liter abgesaugt.“ Für minimalinvasive Eingriffe sei keine Zeit gewesen, es musste ein klassischer Bauchschnitt gemacht werden – „da es tatsächlich um Leben und Tod ging“. Der Angeklagte reagierte auf die Schilderungen mit einer erneuten Entschuldigung: Er schäme sich für das, was er getan habe und es tue ihm wahnsinnig leid, dass er diese ganzen Probleme verursache.

Die Berichte der Zeugen und seines Sozialbetreuers von der Stadt Werdohl machten deutlich, dass der 34-Jährige an einer schweren psychischen Erkrankung leidet: Der Betreuer wusste von Symptomen, die typisch sind für eine Schizophrenie: Stimmen hören, Verfolgungsängste, Angstzustände. „Er hat Dinge wahrgenommen, die gar nicht da waren.“ Der Betreuer nahm seine Aufgabe sehr ernst und kümmerte sich um die Unterstützung durch einen Arabisch sprechenden Arzt in Werdohl, der den 34-Jährigen wiederholt in psychiatrische Kliniken einwies. 

Der längste Aufenthalt dauerte nach Angaben des Betreuers sechs bis acht Wochen. Die verordneten Medikamente besserten die Symptome offenbar. Zum Zeitpunkt der beiden angeklagten Taten hatte der Algerier jeweils mehr als zwei Promille Alkohol im Blut. Die Menge der bei der Analyse festgestellten Medikamente war für die Frage der Schuldfähigkeit ohne Belang. 

Zwei Polizisten vertieften am zweiten Verhandlungstag den Befund, dass das spätere Opfer zunächst den Angeklagten massiv angegriffen und leicht verletzt hatte. Die dadurch beim Angeklagten und weiteren Personen ausgelösten Reaktionen veranlassten das Opfer aber, die Polizei zu rufen. Die Beamten waren gerade dabei, die Personalien des betrunkenen 38-Jährigen aufzunehmen und ihn mit in den Gewahrsam zu nehmen, als er durch den Messerstich des Angeklagten in den Operationssaal des Klinikums umgeleitet wurde.

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