Zweite Heimat Werdohl

AEG-Abiturientin Bahar Bektas-Baki arbeitet in Trabzon an der Uni

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Einmal im Jahr kommt Bektas-Baki nach Werdohl zurück: „Werdohl ist meine zweite Heimatstadt.“

Werdohl - Gute 3500 Kilometer Landweg entfernt von Werdohl liegt die Hafenstadt Trabzon an der türkischen Schwarzmeerküste. Dort lebt und arbeitet Bahar Bektas-Baki. Ihr Abitur hat die junge Frau 2005 in Werdohl gemacht – an der Albert-Einstein-Gesamtschule.

Bektas-Baki hat nach der bestandenen Reifeprüfung an der Universität Duisburg-Essen Lehramt studiert – und zwar die Fächer Mathematik und Türkisch.

„Nach meinem Studium habe ich ein Stellenangebot der Karadeniz Technical University Trabzon angenommen und arbeite seitdem als Lehrkraft an der Universität“, berichtet sie. „Voriges Jahr habe ich meine Masterprüfung bestanden und möchte in naher Zukunft promovieren.“ Die nach eigenen Angaben glücklich verheiratete Frau ist überzeugt: „Das Abitur ist ein ‘Muss’. Insbesondere, wenn man als Schüler mit Migrationshintergrund in Deutschland etwas erreichen will, muss man schon wenigstens das Abitur erfolgreich bestanden haben.“ 

Und sie selbst ist sich sicher: „Für mich persönlich war das Abitur ein Ticket in die Zukunft.“ Bektas-Baki wüsste nicht, „was ich machen würde, wenn ich kein Abitur gemacht hätte“. Klar ist für sie nur: „Einen Traumberuf hätte ich dann höchstwahrscheinlich nicht gefunden.“ Dann allerdings gesteht sie: „Lehrerin war eigentlich auch nicht gerade mein Traumjob.“ Weiter lässt sie sich nicht in die Karten schauen und sagt nur: „Wer mich genauer kennt, weiß warum.“ Dann verrät sie aber doch: „Ich war keine Person, die gerne vor vielen Menschen geredet hat. Das war schon bei Referaten in der Schule so.“ 

Bahar Bektas-Baki hat vor zwölf Jahren in Werdohl an der Albert-Einstein-Gesamtschule ihr Abitur gemacht. Jetzt lebt sie in Trabzon an der türkischen Schwarzmeerküste.

Dann lässt sie ihre Jugend Revue passieren, als ihr Lieblingsort noch die Werdohler Lennepromenade war: „Ich wollte immer Zahnärztin werden, doch nach dem Praktikum in der Oberstufe habe ich gemerkt, dass das nicht das Richtige für mich ist, ich konnte kein Blut sehen.“ Zwar wusste Bektas-Baki, die gerne liest, schwimmt und Reisen unternimmt, nun, was sie nicht wollte, aber mehr war ihr zunächst nicht klar: „Nach dem Abitur, als ich Bewerbungen abschicken musste, hatte ich irgendwie keinen Durchblick und habe mich fast überall beworben.“ Eine Bewerbung ging an die Universität Duisburg-Essen. 

Sie schlug diesen Weg ein, der aber doch ein steiniger wurde: „Nach dem ersten Semester wollte ich gleich das Fach wechseln.“ Danach machte sie ein Orientierungspraktikum: „Wir hatten das Glück, dass ein Lehrer für einen längeren Zeitraum erkrankt war und wir im Praktikum den Unterricht selbst übernehmen mussten.“ Dabei stellte Bektas-Baki etwas fest: „Ich habe es geliebt, Schüler zu unterrichten und tue dies immer noch.“ Die Schulzeit in Werdohl hat die junge Frau, die derzeit schwanger ist und ihre erste Tochter erwartet, so noch gut in Erinnerung. 

Sie blickt zurück: „Es gibt viele wichtige Aspekte, die ich auf der Albert-Einstein-Gesamtschule gelernt habe. Aber das Wichtigste war – glaube ich – die Bedeutung der Heterogenität. Wir waren ein Jahrgang mit Schülern unterschiedlicher Herkunft, Kultur und sozialer Lage, aber dennoch ist uns das gemeinsame Zusammensein gelungen.“ Sie schränkt aber ein wenig ein: „In den Jahrgangsstufen 5 bis 10 war unser Klassenzusammenhalt jedoch enger als in der Oberstufe.“ 

Doch nicht nur charakterlich habe sie die Gesamtschule geprägt. „Die Klassen- beziehungsweise Kursfahrten haben dazu beigetragen, dass wir viele neue Orte und andere Kulturen kennengelernt haben.“ So sei sie mit ihren Schulkameraden in Italien und Spanien gewesen. Fremdsprachen zählten auch so noch zu ihren persönlichen Stärken, befindet Bektas-Baki. „Spanisch war eines meiner Abiturfächer.“ 

Dennoch war es der Geschichtsunterricht in der Oberstufe, der sie ihrer eigenen Meinung nach am meisten geprägt hat. „Unsere Lehrerin – Frau Pingel – hat uns damals über McDonalds und Kinderarbeit aufgeklärt und dazu beigetragen, dass ich beim Kauf von Kleidungsstücken darauf achte, wo speziell diese Kleidung hergestellt worden ist, damit wir als Käufer die Kinderarbeit keineswegs unterstützen.“ 

Mindestens einmal pro Jahr komme Bektas-Baki zurück nach Werdohl. „Meine Eltern und meine Geschwister leben noch in Werdohl beziehungsweise in Deutschland.“ Wenn es besondere Anlässe gebe, komme sie also auch mehrfach in einem Jahr ins Sauerland. Und die junge Frau hat ihren Blick auf diesen Flecken Erde im Laufe der Zeit auch verändert: „Obwohl ich früher anderer Meinung war, ist heute Werdohl für mich meine zweite Heimatstadt.“

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