Virtuelles Museum im Internet

Wie man trotz Corona-Krise ein Museum besuchen kann

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Moritz-Adolf Trappe ist der Kopf der AG Zeppelinstadt Werdohl und hat zahlreiche Stücke einer Sammlung rund um die Geschichte der Luftschiffe in ein Online-Museum gestellt.

Werdohl - Alle Kultur- und Freizeiteinrichtungen sind seit Tagen wegen der Corona-Epidemie geschlossen, soziale Kontakte soll man weitestgehend meiden, um das Ansteckungsrisiko zu verringern. Wie lässt sich die hinzugewonnene Freizeit nutzen? Vielleicht mit einem Besuch in einem virtuellen Museum, wenn doch schon alle echten Museen ihre Türen geschlossen haben?

So etwas wie ein Digital- oder Onlinemuseum betreibt unter anderem die Arbeitsgemeinschaft (AG) Zeppelinstadt Werdohl. Die hat es sich zum Ziel gesetzt, die Erinnerung an Carl Berg, Alfred Colsman, Gustav Selve und die anderen großen und kleinen Namen der Werdohler Aluminiumindustrie und die Verbindung zum Luftschiffbau Zeppelin in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zurückzuholen.

In die Tat umzusetzen wäre das zum Beispiel mit einem Museum, aber dafür fehlen dem noch jungen Verein die finanziellen Mittel. Die Lösung: Er zeigt seine Exponate im Internet. Interessierte können also bequem vom heimischen Sofa aus mit Hilfe des Internets einen Bummel durch das „Museum“ unternehmen.
Die Möglichkeit dazu bietet das Museum Digital, eine Plattform, auf der große und kleine Museen Informationen zu ihren Objekten veröffentlichen. Die Sammlung der seit Anfang 2018 bestehenden AG Zeppelinstadt Werdohl besteht aus Objekten zur Geschichte der märkisch-westfälischen Aluminiumindustrie und deren Bedeutung für die Entwicklung der Zeppelin-Luftschifffahrt.

So werden die Objekte erlebbar

„Momentan ist die Anzahl der Digitalisate mit 69 online zugänglichen Objekten noch recht überschaubar“, räumt Moritz-Adolf Trappe ein. Der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft begründet das damit, dass die Bearbeitung der Objekte sehr zeit- und rechercheintensiv sei. „Die Objekte müssen in Kategorien und Thematiken sortiert und beschrieben werden. Dazu gehören Maße, Gewichtsangaben, Material und diverse andere Eigenschaften. Außerdem müssen die Objekte in einen historischen Kontext eingeordnet werden – erst dadurch werden sie erlebbar“, erklärt Trappe, wieviel Arbeit dahinter steckt.

Die Aluminiumtöpfe, die Moritz-Adolf Trappe hier zeigt, haben eine interessante Geschichte.

Das sei ein Problem, „das übrigens auch hauptamtlich geführte Museen haben“, sagt Trappe. „Wir arbeiten hingegen auf privater Initiative, dafür aber auch auf einem überdurchschnittlich hohen Niveau“, versichert er. Trappe, der die weit überwiegende Mehrzahl der Objekte bearbeitet hat, hat dabei auch ein Lieblingsobjekt entdeckt. „Es ist eine rund 35 Zentimeter hohe, von 1908 bis 1913 von der bekannten Firma Steiff unter der Bezeichnung ,Onkel Zeppelin’ produzierte Gliederpuppe“, verrät er.

Merkel-Puppe nicht vorstellbar

Die aufwändig modellierte Puppe besteht aus Filz, der Körper ist mit Holzwolle gefüttert, die Schuhe sind aus Leder gefertigt. Arme und Beine sind in Gänze beweglich. Die Puppe trägt neben dem walrossartigen Schnauzbart auch die typische weiße Schirmmütze des Grafen Zeppelin. „Diese Mütze trug der Graf bevorzugt bei öffentlichen Auftritten, da sie besonders ins Auge fiel. Das kann man in etwa mit Michael Jacksons weißen Tennissocken und Glitzerhandschuhen vergleichen – der visuelle Effekt steht im Vordergrund“, erklärt Trappe.

Die Puppe habe zwar nur einen indirekten Bezug zu Werdohl, belege aber umso eindrucksvoller die enorme Popularität des Grafen Zeppelin. Trappe: „Eine Angela-Merkel-Puppe kann ich mir heute analog dazu nicht vorstellen. Letztmals Helmut Kohl – und das soll kein Seitenhieb auf die CDU sein – bot als Gartenzwerg-Variante ein annähernd gleiches Potenzial an (Hass-)Liebe und Popularität“, ordnet der Kunstwissenschaftler Trappe den Stellenwert der Puppe ein.

Steiff-Gliederpuppe „Onkel Zeppelin“ aus der Zeit um 1910. Auch sie ist in dem Online-Museum zu sehen. (Für vollständige Bildanzeige oben rechts klicken!)

Eine schöne Geschichte kann er auch über einen alten und zerbeulten Aluminiumtopf erzählen. Der stark abgenutzte Kochtopf stammt aus der Küche der Lüdenscheider Villa Berg an der Hohfuhrstraße. „Er war dort seit dem Bau 1906/07 unter dem Industriellen Carl Berg bis hin zum Tod der letzten Bewohnerin des herrschaftlichen Hauses, der Schwiegertochter Carl Bergs, in Benutzung“, hat Trappe, der das Kochgeschirr vor etwa 20 Jahren bei der Auflösung des Haushaltes vor der Sanierung des Hauses erhalten hat, recherchiert.

Alter Topf mit interessanter Geschichte

Die AG Zeppelinstadt Werdohl hat den Topf im Sommer 2018 bei einer Ausstellung in Eveking gezeigt. Trappe erinnert sich: „Einer der Besucher, ich habe ihn nicht gleich erkannt, las auffällig aufmerksam die Objektgeschichte und kam dann freudig strahlend auf mich zu mit den Worten: Wenn ich früher zum Wochenende von der Uni zurück nach Lüdenscheid kam, habe ich mir darin erst einmal eine Dosensuppe aufgewärmt! Bei dem Herrn handelte es sich um einen Enkel Carl Bergs.“

Es sind also keineswegs nur Dinge, die direkt mit den Zeppelinen zu tun haben, die die AG Zeppelinstadt Werdohl im Laufe der Zeit zusammengetragen hat. Vielmehr sind es viele kleine Objekte, die etwas über die Geschichte der Aluminiumindustrie in Werdohl zu erzählen haben.

Schallplatte mit Radioreportage von 1937

Da gibt es zum Beispiel Serviettenringe, die aus dem Aluminium eines im Ersten Weltkrieg über England abgeschossenen Luftschiffes angefertigt worden sind, oder es sind Grubenlampen, die die Werdohler Firma Rötelmann hergestellt hat.

Und die Sammlung enthält mit einer amerikanischen Schallplatte mit dem Mitschnitt der Original-Radioreportage des Unglücks der „Hindenburg“ in Lakehurts/New Jersey am 6. Mai 1937 sogar ein tönendes Zeitdokument. Auch etliche Fotos und Bilder rund um die Zeppeline können angesehen werden.

Zu allen Objekten in dem virtuellen Museum gibt die AG Zeppelinstadt Informationen in Form von geschichtlichen Hintergründen und interessanten Anekdoten. Auch so lässt sich Freizeit sinnvoll gestalten, ohne die eigenen vier Wände verlassen zu müssen – moderne Technik macht es möglich.

Museum im Versetal geplant

Doch werden die Exponate auch noch einmal irgendwann in einem richtigen Museum gezeigt, vielleicht sogar in Werdohl? „Die Objekte sollen in dem noch zu gründenden Museum zur Geschichte der Aluminium- und Luftschifffahrtgeschichte am authentischen Geschichtsort in der ehemaligen Carl Berg AG im Versetal präsentiert werden“, sagt Moritz-Adolf Trappe über die langfristigen Planungen der AG Zeppelinstadt. Er hofft diesbezüglich auf finanzielle Unterstützung mit Mitteln aus dem Strukturförderprogramm Regionale 2025.

„Wir sind auf einem guten Weg dahin. Die Vorbehalte gegen uns und die Projektidee weichen langsam der Erkenntnis der Bedeutung des Themas für die Zukunft Werdohls und der Region“, glaubt Trappe. Er ist sicher, dass „ein solch thematisches bislang absolut einmaliges Museum ein kulturelles Highlight für Werdohl wäre“.

Leihgabe an Baden-Württemberg

Genug zu zeigen hätte die AG Zeppelinstadt, da ist Trappe ganz sicher. „Der Großteil unserer Sammlung stammt momentan aus dem Privatbesitz eines einzelnen Leihgebers“, berichtet er. Der stelle der AG derzeit etwa 2500 Objekte als Grundstock für das angedachte Museum zur Verfügung.

Teile der Sammlung würden auch immer wieder einmal an Museen ausgeliehen. „Die nächste größere Leihgabe erfolgt noch in diesem Jahr für ein Ausstellungsprojekt im Haus der Geschichte Baden-Württembergs in Stuttgart“, verrät Trappe. Auf die Objekte aufmerksam geworden sei der Kurator, der die geplante Ausstellung betreut, übrigens über die Plattform Museum Digital.

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