Zehn Jahre nach Protest: Pfarrer schweigen zum Thema Homosexualität

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Ein homosexuelles männliches Paar hält die Hände zusammen. In Deutschland ist die Ehe für alle möglich, bei der EKD sind die Regelungen zur Trauung in den Landeskirchen unterschiedlich. In Westfalen ist eine Segnung möglich, in Werdohl noch nicht einmal das

Werdohl - Zehn Jahre nach dem höchst umstrittenen Brief westfälischer Pfarrer zum Thema „Homosexualität ist nicht von Gott“ wird bei der Evangelischen Kirchengemeinde Werdohl darüber geschwiegen.

Der Presbyteriumsvorsitzende Pfarrer Dirk Grzegorek gehörte damals neben dem Halveraner Pfarrer Christoph Dickel zu den treibenden Kräften des Briefes an den damaligen Präses Alfred Buß. Grzegoreks damaliger und heutiger Amtskollege Martin Buschhaus hatte den Brief ebenfalls unterzeichnet. Heute wollen beide nichts dazu sagen – weder als Pfarrer noch als Vertreter der Kirchengemeinde. 

Was stand in dem Brief vom November 2019 zum Thema gleichgeschlechtlicher Ehe? 

„Gelebte Homosexualität entspricht nicht der Schöpfungsordnung Gottes, wie sie in der Bibel beschrieben wird. Praktizierte Homosexualität wird nicht nur im Alten Testament, sondern auch im Neuen Testament eindeutig abgelehnt. Da wir mit der Kirchenordnung der Evangelischen Kirche von Westfalen die Heilige Schrift als alleinige und vollkommene Richtschnur des Glaubens, der Lehre und des Lebens ansehen, können wir einer Gleichstellung homosexueller Lebensformen mit der Ehe in keiner Weise zustimmen.“ 

Weiter hieß es: „Die biblischen Maßstäbe dürfen den Menschen, die für ihre sexuelle Identitätsfindung Maßstäbe zur Orientierung brauchen, insbesondere jungen Menschen, nicht vorenthalten werden. Wo aber Homosexualität wie Linkshänder sein als naturgegeben propagiert und Therapien diskreditiert werden, verweigert man Menschen, die unter ihrem homosexuellen Empfinden leiden, die Hilfe zur Veränderung. Wir wissen um persönliche Berichte von Menschen, die durch seelsorgliche und psychologische Hilfe zu einer neuen Orientierung gefunden haben.“

Wer hatte den Brief unterzeichnet? 

Knapp 30 Pfarrer und Pfarrerinnen aus den Kirchenkreisen Lüdenscheid-Plettenberg, Soest und Witten hatten Buß in einem offenen Schreiben Abkehr von der biblischen Orientierung vorgeworfen. Auch die Pfarrer Dirk Grzegorek und Martin Buschhaus gehörten dazu. Alle betonten, dass es sich jeweils um persönliche Erklärungen handele. Keiner der Theologen sprach für die jeweilige Gemeinde. Der damalige Werdohler Presbyteriumsvorsitzende Martin Kämper hatte den Brief nicht unterzeichnet, auch für die Kirchengemeinde Werdohl gelte er nicht in Gesamtheit. 

Was wollten die Unterzeichnenden mit diesem Brief erreichen?

Die evangelischen Theologen, die den Brief unterschrieben hatten, wollten eine Gleichsetzung homosexueller Paare mit der christlichen Ehe verhindern. Sie hatten dem damaligen Präses Alfred Buß aufgrund liberaler Äußerungen vorgeworfen, er wolle den Weg für gleichgeschlechtliche kirchliche Trauungen öffnen. 

Von einer Segnung oder Trauung habe er aber zu keiner Zeit gesprochen, sagte Buß wenige Tage später vor Journalisten in Bielefeld als Antwort auf den Brief. Wichtig sei ihm aber, dass homosexuelle Menschen nicht benachteiligt würden, sagte der Präses. 

Wie reagierte der damalige und heutige Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises, Klaus Majoress? 

Die Landessynode der westfälischen Kirche habe 1996 deutliche Worte gesprochen, so Majoress. Sie fordere die Gemeinden auf, jeder Diskriminierung, Verachtung und Demütigung gleichgeschlechtlich lebender Menschen sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche entgegenzutreten. Sie habe zugleich die seelsorgerische Begleitung durch eine Segenshandlung für zwei Menschen, die partnerschaftlich zusammenleben oder zusammenleben wollen, möglich gemacht. Damals musste es noch nicht-öffentlich und undokumentiert geschehen. 

Was ist heute Beschlusslage bei der Evangelischen Kirche von Westfalen? 

Im Beschluss von 2014 heißt es dazu: „Paare, die in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft leben, können öffentlich in einem Gottesdienst gesegnet werden. Voraussetzung für diese Segnung ist, dass eine der zu segnenden Personen evangelisch ist. Die Segnung ist pfarramtlich zu dokumentieren. Eine Pfarrerin oder ein Pfarrer, die oder der aus Gewissensgründen eine solche Segnung nicht vornehmen kann, verweist das Paar an die Superintendentin oder den Superintendenten, die oder der für die Durchführung der Segnung sorgt. Die Kirchenleitung wird beauftragt, geeignetes liturgisches Material zur Verfügung zu stellen.“ 

Warum wollen sich die Pfarrer Grzegorek und Buschhaus heute nicht dazu äußern? 

Das wird nicht ganz klar. Pfarrer Buschhaus bat um Verständnis dafür, dass er sich dazu nicht in der Tageszeitung äußern möchte. Pfarrer Grzegorek äußerte Bedenken, mit dem sensiblen Thema über die Presse in die Öffentlichkeit zu gehen. Deshalb wolle er nicht auf mehrere schriftlich formulierte Fragen der Redaktion antworten. Nur so viel wolle er sagen: Homosexualität sei keine psychische Erkrankung, das habe er nie gedacht, gesagt oder geschrieben. 

Der Brief hatte Homosexualität und Therapien in einen Zusammenhang gestellt. Wie kam das damals bei homosexuellen evangelischen Pfarrern an? 

Mitglieder des Konvents lesbischer und schwuler Pfarrer und Pfarrerinnen in der Evangelischen Kirche von Westfalen äußerten sich bestürzt und sprachen von einem Rückfall ins Mittelalter. In Westfalen gibt es mehrere schwule Pfarrer und lesbische Pfarrerinnen, die mit ihren Partnern und Partnerinnen in Pfarrhäusern leben. 

2016 wurde noch einmal über den Brief berichtet. Was war passiert? 

Der Brief hatte als Arbeitsmaterial und Diskussionsgrundlage Einzug gehalten in Lehrpläne westfälischer Gymnasien. So ist er als schulinterner Lehrplan für die gymnasiale Oberstufe im Fach Evangelische Religionslehre bei Gymnasien unter anderem in Attendorn, Münster, Witten, Lechenich und Aspel zu finden. Dabei geht es um die Übungssituation, dass in der Gemeinde eine Diskussionsveranstaltung über den Brief stattfinden soll.

Was sagt Superintendent Klaus Majoress heute, zehn Jahre später, zu dem Brief? 

Die Aussagen bezüglich Homosexualität, Krankheit und Therapien hätten damals sehr viele Menschen verletzt, erinnert sich Majoress. Das verurteile er nach wie vor. Bei der Gleichstellung zur Ehe gebe es in der Evangelischen Kirche nach wie vor unterschiedliche theologisch-biblische Auffassungen, die es auszuhalten gelte. Seit dem Synodenbeschluss 2014 habe es im gesamten Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg drei oder vier Anfragen von homosexuellen Paaren nach einer dokumentierten öffentlichen Segnungsfeier gegeben. Einige Pfarrer im Kirchenkreis würden diese Segnungsfeiern nach Vermittlung durch den Superintendenten vornehmen.

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