„Zahlen wir bald für Klopapier?“

Verdi-Mann Ingo Müller in der Küche, die die Stadtverwaltung ihren Mitarbeitern zur Verfügung stellt. Für die meisten Bediensteten ist der Weg vom Büro zur Kaffeemaschine sehr weit. Zudem gilt die Küche nicht als Sozialraum.

WERDOHL - Ingo Müller ist im Rathaus als Mitarbeiter des Ordnungsamtes beschäftigt, zudem Personalrat- und  Verdi-Mitglied. Darum darf er nichts zu der Anweisung sagen, dass alle städtischen Angestellten ab September für ihren private Stromnutzung im Rathaus vier Euro monatlich zahlen sollen (wir berichteten bereits).

Die Dienstanweisung sei nicht mitbestimmungspflichtig, hat der Bürgermeister dem Personalrat mitgeteilt, deshalb darf Personalratsvorsitzende Gudrun Sibert nichts dazu sagen. Müller darf aber als Sprecher der Gewerkschaft Verdi Stellung beziehen. Dazu hat Müller vom Gewerkschaftssekreträr Ulrich Padberg vom Bezirk Südwestfalen die Freigabe erhalten.

Und nur in dieser Eigenschaft – Ordnungsamts-Mitarbeiter Müller muss sich im Gespräch mit unserer Zeitung auch aus dem Zeiterfassungssystem des Rathauses ausloggen – redet der Verdi-Mann Klartext: „So ist das keine Zusammenarbeit. In Verhandlungen oder Gesprächen hätten sich auch noch andere Möglichkeiten gefunden.“ Fünf Euro pro Monat soll einer zahlen, der einen Kühlschrank in seinem Büro stehen hat. Vier Euro pro Monat werden fällig für Kaffeemaschinen, Mikrowellen und Handyladegeräte. Als unangemessen teuer wird von den Beschäftigten vor allem die vier Euro für das Aufladen eines Handys empfunden.

Müller geht es auch mehr ums Prinzip: „Das ist ein Demotivationsverfahren, ein mickriges Klein-Klein-Spiel.“ Bei vielen Mitarbeitern erzeuge diese Anweisung das Gefühl, dass es in der Verwaltung kein Miteinander mehr gebe. Natürlich sehe auch die Gewerkschaft Verdi die Not und den Zwang der Verwaltung, absolut alle Einsparmöglichkeiten für den städtischen Haushalt zu nutzen. Müller kritisiert als Gewerkschafter allerdings, dass diese Maßnahme mit dem Personalrat hätte abgestimmt werden können, einfach nur um eine für alle verträgliche Lösung zu finden. Der Teil des 60-Punkte-Sparpaketes sei im Lenkungsausschuss auch nicht einstimmig beschlossen worden, hat Müller erfahren.

Seit Jahren schon müssen städtische Mitarbeiter, wenn sie über das Diensttelefon private Gespräche führen wollen, über einen Code dieses Gespräch anmelden und bezahlen. Das sei selbstverständlich, meint Müller. Zudem seien die in Werdohl wohnenden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowieso schon durch die Sparbeschlüsse der Stadt betroffen. Hinzu kommt, dass bald alle Mitarbeiter Park-Karten kaufen müssen, wenn im ganzen Innenstadtbereich das Parken kostenpflichtig werde.

Verdi stehe der Dienstbestimmung auf jeden Fall ablehnend gegenüber. Von den insgesamt 240 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadt wolle die Mehrheit die Strompauschale nicht bezahlen, so eine Umfrage. Etwa 30 bis 40 Mitarbeiter wollten bezahlen, der Obolus sei ihnen die Stromnutzung wert. Aber Müller bleibt dabei: „Diese Sparmaßnahme ist nur politisch gewollt, sie ist nicht ausgehandelt worden.“

Viele würden jetzt eine Gruppenlösung bevorzugen: „Ein paar Leute schließen sich zusammen und betreiben auf einem Flur eine Kaffeemaschine und einen Wasserkocher und legen die Kosten auf die Gruppe um.“ Vier Euro für eine Handyaufladung sei laut Verdi „unbillig“.

In bester Gewerkschafts-Manier spekuliert Müller weiter: „Und was kommt als nächstes? Müssen wir Wasser, Seife und das Toilettenpapier auch bald selbst bezahlen?“

Alles sei eine Frage der Verhältnismäßigkeit und des Miteinanders, so der Gewerkschafter: „Jedes Jahr bekommt die Verwaltungsspitze einen BMW geleast. Der Außendienstler vom Ordnungsamt fährt mit einer uralten Karre herum.“ - Von Volker Heyn

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